Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Gesundheit
28.10.2020

St.Galler Infektiologe schlägt neue Strategie vor

Symbolbild
Der St.Galler Infektiologe Philipp Kohler schlägt eine Neuausrichtung der Tracing-Strategie vor. Der Fokus soll auf Superspreader-Events liegen.

Die Contact-Tracer in St.Gallen und der restlichen Schweiz sind am Anschlag. Kein Wunder: Bei 300 bis 500 Neuinfektionen pro Tag gestaltet sich die Kontaktpersonennachverfolgung sehr aufwendig. Deshalb sei eine Neuausrichtung des Contact-Tracings dringend zu prüfen, sagt Philipp Kohler, Infektiologe und Oberarzt am Kantonsspital St.Gallen gegenüber «20 Minuten».

Ein Kontakttagebuch führen
Bei einem Rückwärts-Tracing sollen die Contact-Tracer – bei den begrenzten Ressourcen –  nicht mehr jeder Kontaktperson nachgehen, sondern den Ort der Ansteckung aufspüren. So könne man Superspreader-Events rasch entdecken und die Teilnehmer der Veranstaltung in Quarantäne stecken. «Damit kann man zahlreiche Übertragungen verhindern», sagt Kohler.

Für diese Methode müssten die Contact-Tracer die Infizierten fragen, wo sich diese in den letzten sieben Tage vor Symptombeginn aufgehalten haben. Das Problem sei aber, dass die Leute nicht mehr wissen, was sie vor sieben Tagen gemacht haben. Deshalb schlägt Kohler eine Art Kontakttagebuch vor. Das heisst, dass sich jeder Ereignisse und Orte notieren soll, wo das Infektionsrisiko höher gewesen ist. 

Superspreader-Events sind Treiber der Pandemie
Für Kohler ist klar: Superspreader-Events sind die Treiber der Pandemie. Viele Massnahmen, wie beispielsweise die Maskenpflicht in Läden oder im Büro, seien darauf ausgerichtet Einzelfälle zu verhindern. «Dies macht für eine Erkrankung Sinn, die von vielen Infizierten weitergegeben wird (wie eben z.B. die Grippe), aber weniger für COVID-19», schreibt Kohler auf «infekt.ch». Zu dieser Hypothese passe die Tatsache, dass die saisonale Grippe dieses Jahr in Ländern der Südhalbkugel kaum aktiv sei, während dies für COVID-19 nicht der Fall sei. «Unsere Massnahmen scheinen also besser gegen Grippe zu wirken als gegen COVID-19.Viele asiatische Länder wie z.B. Japan haben diese Eigenart des Virus, sich hauptsächlich in Clustern auszubreiten, früh erkannt. Entsprechend haben Sie den Fokus Ihrer Massnahmen darauf gerichtet», so der Oberarzt.

Ist «Faktor k» entscheidend?
Kohler stützt sich bei seinen Aussagen auf einen Artikel im Magazin «The Atlantic». Dort geht es darum, dass obwohl schon seit Monaten bekannt, ein entscheidendes Charakteristikum der COVID-19 Pandemie in vielen Ländern zu wenig berücksichtigt, nämlich der sogenannte Dispersionsfaktor k. Kurz gefasst beschreibt k die Verteilung, wie gleichmässig sich das SARS-CoV-2 Virus weiterverbreitet. Ein Wert von 1 sagt, dass jeder Infizierte das Virus weitergibt (so wie z.B. das Grippevirus), ein Wert von 0.1 meint, dass wenige Leute für den Grossteil der Übertragungen verantwortlich sind.

Bei Corona liegt der Wert zwischen 0.1 und 0.2. «Das ist recht tief. Das heisst das SARS-CoV-2 von bis zu 70 Prozent der Infizierten nicht weitergeben wird; relativ wenig Infizierte sind also für den Hauptanteil der Weiterverbreitung verantwortlich. Sondern eben die Superspreader-Events.»

Weiter schreibt er: «Niemand weiss, welche Strategie aktuell die Beste ist. Ein effizienter Ansatz könnte aber sein, den tiefen k-Wert von SARS-CoV-2 stärker zu berücksichtigen und den Fokus mehr auf die Verhinderung und rasche Entdeckung von Clustern zu legen.»

mik