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Altstätten
19.04.2023

Baudenkmal soll abgerissen werden

Bild: zVg
Historische Brücken sind im Rheintal sehr selten geworden. Gemauerte Bogenbrücken gibt es nur noch wenige. Eine der letzten - die Mühlacker Brücke in Altstätten - soll im Rahmen des Brendenbach-Projektes demnächst abgerissen werden. Ein kurzer Streifzug durch die Geschichte dieses besonderen Bauwerkes.

Beim Brückenbau- egal ob in Holz oder Stein - galten stets allerhöchste Ansprüche an die Planer und an die Handwerker. So war es möglich, dass einzelne Brücken trotz der grossen Beanspruchung ihre Funktion über Generationen hinweg erfüllen konnten. Das gilt auch für die alte Steinbogenbrücke am Brendenbach. Doch ihre Tage sind gezählt, schon bald soll sie zerstört werden. Damit verschwindet ein Kulturgut und ein wertvoller Zeuge der Altstätter Verkehrsgeschichte - für immer.

Aller höchste Zeit, die Mühlacker Brücke etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Massiv in mit behauenen Bollensteinen gemauert, mit ein starken Bogen - so stark, dass sie bis jetzt jedem Lastwagen und jedem Hochwasser getrotzt hat. Die Brücke ist Teil einer heute untergeordneten Nebenstrasse, die von der Breite ins Mühlacker-Quartier führt. Einerseits wenig beansprucht und andererseits massiv ausgeführt, das sind die wesentlichen Gründe dafür, dass die Brücke seit über 150 Jahren ihre Funktion erfüllt - und es auch weiterhin tun könnte.

Brücke wirft Fragen auf

Dass die Mühlacker-Brücke alt sein muss, zeigt sich auf den ersten Blick. Doch wie alt? Welche Bedeutung hatte sie früher? Die Mühlacker Brücke gibt uns etliche Fragen auf. Warum ist so breit? Warum führt die Strasse auf beiden Seiten nicht gerade auf die Brücke zu? Warum ist sie breiter als vergleichbare Brücken? Warum ist der Durchlass so gross, dass nie zu einer ernsthaften Verklausung gekommen ist?

Allein schon diese Besonderheiten sind ein Hinweis, dass es sich um eine besondere Brücke handeln muss. In den Archiven finden sich nur wenige Quellen, auch Karten geben nur wenig Auskunft. Alte Bilder lassen sich kaum auftreiben. Sicher ist, die Brücke muss einst eine wichtige Rolle gespielt haben - nicht nur als Verbindung zwischen dem Mühlacker und der Breite, sondern wohl auch für die Erschliessung des Gätzibergs.

Gemeinderat spielt den Ball weiter

Archivarisch ist gesichert, dass im August 1829 der Gemeinderat eine Besichtigung der Strasse vom Mühlacker bis zum Gätziberg vornahm. Dabei wurde festgehalten: «Beim Mühlacker wäre es gut, wenn eine hölzerne Brücke auf Mauerstützen über den Bach gemacht würde.» Offenbar war die bereits bestehende Brücke so eng, dass sie kaum mit einem Fuhrwerk befahren werden konnte. Ein Neubau erschien dem Gemeinderat zwar als angemessen, aber doch als zu kostenintensiv. Das Projekt eines Brückenneubaus wurde erst mal zurückgestellt. Der Gemeinderat spielte den Ball weiter «an Lehrer Schneider und Consorten, dass sie eine neue Brücke erstellen sie auf ihre Kosten.»

Über Jakob Schneider wissen wir einiges. Er hatte zuerst an der 1808 gegründeten protestantischen Realschule unterrichtet. Ab 1814 führte Schneider die Schule als Privatschule und gründete das «Schneider’sche Institut». Diese Privatschule - untergebracht im heutigen Haus Hartmeyer - genoss über die Ostschweiz hinaus einen guten Ruf. «Männer von Rang und Namen holten sich hier ihre erste Bildung und legten die Grundlagen für ihr späteres Wissen…», hielt Lokalhistoriker Josef Rohner vor 90 Jahren fest. Einer der später berühmt gewordenen Schüler war Florian Marolani. Als Erwachsener kehrte der Sohn von nach Frankreich ausgewanderten Bündnern nach Altstätten zurück und ging als Wohltäter - unter anderem hat er die Gründung des Altstätter Spitals ermöglicht - in die Geschichte ein.

Ob dann tatsächlich Jakob Schneider die steinerne Brücke erstellen liess, oder ob es doch die Gemeinde war, lässt sich nicht exakt bestimmen. Auf jeden Fall gab es um 1850 diese Brücke. Sie spielte für die Erschliessung des Gätzibergs eine wichtige Rolle. Noch gab es die Neue Stossstrasse nicht. Noch war es nicht möglich, vom heutigen Frauenhof Platz in die Marktgasse zu gelangen. Der Zugang in die Stadt erfolgte von der Breite her durch das Obertor, von Oberriet und von der Alten Stosstrasse her durch das Untertor und von der östlichen Vorstadt durch das Markt Tor beim Dreikönig.

Eine Laterne bei der Brücke

Die Strasse über die Mühlacker Brücke führte direkt zur Breite, die damals bereits eine Art von Verkehrsdrehscheibe war. Die Brücke muss rege begangen worden sein. Ende 1888 reichten Bewohner des Mühlackers eine Petition ein. Diese verlangte, dass bei der Brücke eine Strassenlaterne aufgestellt werde. Diesem Wunsch kam der Gemeinderat nach. Wenig später sind Reklamationen aktenkundig, diese bezogen sich auf einen Nussbaum «der zu viel Licht schluckte» und deswegen gefällt werden musste.

Strassenlaternen kamen ab Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in Städten auf. Die ersten Lampen zur «Illuminierung» der Altstätter Gassen wurden mit Rapsöl und Talg betrieben, ab 1865 wurden sie durch Petrollampen ersetzt. Dass wenige Jahr später auch die Mühlacker Brücke mit einer Laterne versehen wurde, lässt vermuten, dass sie häufig begangen wurde. Eine Beleuchtung des öffentlichen Raums war in dieser Zeit, als es noch keine Elektrizität gab, etwas Besonderes.

Immer wieder tauchen in den Protokollen Hinweise auf Unterhaltsarbeiten auf. In den 1940er Jahren wurde an der westlichen Häuserzeile der Breite ein Gebäude abgerissen, damit die Zufahrt zur Brücke auch mit Fuhrwerken und Autos einfacher zu bewerkstelligen war.

Neue Stossstrasse - neue Verkehrssituation

1859 wurde die Neue Stossstrasse gebaut. Gleichzeitig wurde beim Frauenhof ein Teil der Stadtmauer abgetragen, damit nun auch von dieser Seite direkt in die Marktgasse gefahren werden konnte. Zum Strassenprojekt gehörte auch der Bau einer Brücke über den Brendenbach im Bereich des heutigen Frauenhof Platzes. Die veränderte Verkehrssituation dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Mühlacker Brücke in den folgenden Jahrzehnten an Bedeutung verloren hat.

Besondere Konstruktion

Das wiederum ist wohl der Grund, dass die Mühlacker Brücke als einzige der alten, gemauerten Brücken über den Stadt- und Brendenbach überlebt hat. Alle anderen sind im Verlaufe der Zeit - ganz besonders in den 1930er Jahren - durch Betonbrücken ersetzt worden.

Es gab weitere Gründe, warum sie überlebt hat: Die verschiedenen Hochwasser konnten ihr nichts anhaben. Die Mühlacker Brücke sie ist sehr solide gebaut und massiv gemauert. Dabei zeigt sich eine weitere Besonderheit: Der Umstand, dass die Strasse nicht gerade, sondern schräg auf die Brücke zuführt, führte zu einer leichten Abdrehung des Bogens. Dass der Bogen schräg ist, kann man nur von unten erkennen.

Die sogenannten Schrägbogenbrücken sind unserer Gegend sehr selten und machen die Mühlacker Brücke zu einem herausragenden Zeugnis des Brückenbaus. Das ist ein Grund genug, ernsthaft Varianten zu prüfen, wie die das Bachprojekt so angepasst werden kann, dass diese einzigartige, stabil gebaute und symbolträchtige Brücke erhalten werden kann.

Meinrad Gschwend
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