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25.12.2022

Jack E. Griss: Das besondere Geschenk

Bild: Einfachtierisch.de
Rund um das Weihnachtsfest veröffentlichen wir für unsere Leserinnen und Leser in loser Reihenfolge vergnügliche Kurzgeschichten des bekannten Altstätter Literaten Jack E. Griss. Heute die Geschichte «Das besondere Geschenk».

Das besondere Geschenk                                          © by Jack E.Griss,  2004

Frau Riedl freute sich ausserordentlich. Diesmal würde es ein Weihnachtsfest geben, wie sie es sich schon seit langer Zeit gewünscht hatte: Alle nahen Verwandten beisammen in der trauten Stube. In der Stube ein festlich geschmückter Christbaum, ein feines Essen, dann die gemeinsame Bescherung und draussen viel, viel Schnee!  In entgeisterter Vorfreude gab sie ihrem Mann, dem sie die bereits getroffenen Vorbereitungen soeben geschildert hatte, einen dicken Kuss.

«Na, hallo Schatz!? Womit habe ich das verdient?», fragte Herr Riedl. «Ach, … einfach so! Stell dir vor: Wir zwei, unsere beiden Kinder Laura und Dani, dann deine und meine Eltern und die Patinnen der beiden Kinder!  Schade, dass dein Bruder  Roman nicht kommen kann. Er, als Pate unserer beiden Goldschätze, er fehlt noch, - sonst wäre die Sammlung komplett! Nein, im Ernst, ich freue mich wahnsinnig auf dieses Fest und dass bis auf Roman alle zugesagt haben…..!»

Festliches Mahl

Die Speisenfolge für das festliche Mahl war schon festgelegt. Der Platz für den Tisch, es waren eigentlich zwei zusammengestellte Tische für die zehn Personen, war auch schon ausgemessen worden. Die Riedls waren keine jener Familien, die einige überflüssige Zimmer im Hause haben. Sie mussten sehr genau überlegen, wo in der kleinen Wohnung der Christbaum zu stehen kommen würde und eben besagte Tische und alle sollten sich auch noch einigermassen bewegen können.

Kurz und gut, nachdem einige im Wege stehende Einrichtungsgegenstände im Keller oder in anderen Räumen untergebracht worden waren, schien es so, als könnte die Platzfrage zur vollen Zufriedenheit gelöst werden.

Am eigentlichen Festabend, das heisst, es war noch nachmittags um 16.00 Uhr, nämlich eine Stunde vor der offiziellen Ankunft der Gäste, waren die Riedls sozusagen schon startklar. Laura und Dani hatten zusammen mit ihrem Vater den Christbaum wirklich wunderbar geschmückt, die Tische und Stühle standen bereit.

Geschenke unter dem Baum

Unter dem Christbaum lagen schon einige Geschenke, «für die liebe Mama», «für meinen lieben Schatz», … «für die liebe Laura», und so weiter waren die Päcklein angeschrieben. Lauter liebe Überraschungen für liebe Menschen! Eine Krippe stand auch unter dem Baum. Eine Krippe, welche Herr Riedl als Sekundarschüler unter Anleitung seines Onkels, der damals Mitglied eines Krippenbauvereines war, selbst gebastelt hatte. Ausserdem stiegen aus der Küche wunderbare Düfte und der Geruch von Weihnachtsgebäck setzte auf die Stimmung sozusagen das festliche Tüpfelchen auf dem i. 

Das Eintreffen der Gäste nach und nach, die entzückten, fast hinreissenden Ausrufe «Schon lange nicht mehr gesehen, …und   nächstes Mal dann bei uns….und… wäre nicht nötig gewesen….und…. überhaupt nicht älter geworden..», etc. , das darauf folgende Festmahl, unter den stolzen Blicken von Frau Riedl und den immer wieder zu hörenden Komplimenten für die einzelnen Speisen, - alle diese wichtigen Ereignisse im Verlaufe des Riedelschen Weihnachtsabends können hier nicht geschildert werden, da sie den Rahmen einer kurzen Erzählung sprengen würden.

Zwischen Hauptgang und Dessert

Zwischen dem Hauptgang und dem Dessert erfolgte also die Bescherung. Der Papa von Herrn Riedl hatte schon bei seiner Ankunft ganz nervös mit einem Paket hantiert, wollte es nicht unter den Baum stellen, sondern lieber inzwischen ins elterliche Schlafzimmer. Nun bestand also Riedl senior darauf, dass das besagte, besondere Paket, als erstes geöffnet werden sollte.

«Lieber Dani, im Namen deines Göttis Roman überreiche ich dir hiemit dieses ganz besondere Geschenk. Du musst es aber gleich aufmachen. Sei vorsichtig, es ist ausserordentlich heikel!»   Voll Stolz entfernte Dani das riesige Papier und ein Käfig kam zum Vorschein! «Juhu,- eine Springmaus!», rief der Junge voll Begeisterung und packte das Geschenk noch fertig aus. Dabei geriet er unversehens an das Türchen des Käfigs und es blieb ihm nur noch der entsetzte Ausruf: «Hilfe, meine Springmaus ist weg!»

Keine Panik

Keine Rede mehr von Weihnachtsliedern singen, wie es eigentlich geplant war. Auch die übrigen Geschenke unter dem Christbaum wurden nicht mehr weiter beachtet. Es nutzte wenig, dass die beiden Riedlmänner immer wieder ausriefen: «Keine Panik. Das haben wir gleich!» Ein Teil der weiblichen Weihnachtsgäste standen bereits auf den Stühlen, die anderen hoben einfach die Beine etwas an. Da es an und für sich schon recht eng im Raume war, kamen durch diese Reaktionen, welche die nicht mehr sichtbare Springmaus ausgelöst hatte, zusätzliche Probleme ins Spiel.

Der Weihnachtsbaum geriet bedrohlich ins Schwanken, zuerst gingen zwei Gläser zu Bruch, von irgend jemandem wurde dann das Tischtuch samt den darauf stehenden Dingen zu Boden gezogen, was natürlich allerlei Geschrei auslöste, da die Bratensosse noch relativ warm war und die Salatsosse sowie der restliche Gratin sicherlich auch Flecken hinterliessen.

Mit Rotwein überschüttet befreite sich Schwiegermama Bösch aus dem Tischtuch, das sie, wie böse Zungen später behaupteten, selbst vom Tisch gezogen habe, als sie durch eine kleine Unachtsamkeit vom Stehen aus unter den Tisch gerutscht war. Fast alle anderen hatten auch irgendetwas abbekommen und Papa Bösch hatte sich beim Versuch, seine Frau zu retten, den rechten Fuss verstaucht.

Absolute Schweinerei

Wirklich schlimm sah es aus in Riedls Wohnzimmer. Eine absolute Schweinerei wohin das Auge blickte. Nur die Springmaus war noch von niemandem gesichtet worden. Die Stimmung war völlig im Eimer! Alle machten sich gegenseitig Vorwürfe. Jeder wusste es am Ende besser als der andere, was man hätte oder besser nicht hätte tun sollen, und überhaupt, der Roman mit seinem doofen Geschenk. Das Gebrüll und die Beschimpfungen der Erwachsenen brachten Laura und Dani zum Weinen.

Wie öfters durch kleine Ursachen, entstand auch hier eine grosse Wirkung, die darin gipfelte, dass sich alle Weihnachtsgäste innerhalb von zehn Minuten mehr oder weniger höflich verabschiedeten und nach Hause gingen.

Zerbrochene Weihnachtsguetzli

Die vier Riedls räumten nun, ohne dass viel dabei gesprochen wurde, das wüste Durcheinander auf. Nachdem alles wieder einigermassen in Ordnung gebracht worden war, setzte sich die Familie um den Tisch. Der Vater hatte sich und der Mutter ein Glas Wein eingeschenkt und die Kinder knabberten die zerbrochenen Christbaumguezli. Plötzlich brach der Vater in lautes Gelächter aus und die anderen stimmten mit erleichterter Verwunderung mit ein! «Alles halb so schlimm!», meinte Herr Riedl. «Jetzt feiern halt wir vier Weihnachten!»

Als wollte die Springmaus bei der Feier auch mit dabei sein, blickte sie kurz aus der Krippe, wo sie während der letzten Stunde gewesen war! Dani kniete sich nieder und hob die Maus vorsichtig in ihren Käfig!

Selten noch hatten die Riedls so feierlich ein Weihnachtslied gesungen, wie nach diesem Ereignis mit dem besonderen Geschenk! Danach liessen sie sich das Dessert schmecken!

red/Jack Griss
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