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17.12.2022

Jack E. Griss: Die vierte Kerze

Jack Griss erzählt die Geschichte der vierten Kerze, die so gerne brennen wollte...
Jack Griss erzählt die Geschichte der vierten Kerze, die so gerne brennen wollte... Bild: EKD
Rund um die Advents- und Weihnachtszeit präsentiert rheintal24 in unregelmässiger Abfolge besinnliche Geschichten des Altstätter Literaten Jack E. Griss aus seiner Kurzgeschichtensammlung «Dezembergrün».

Die vierte Kerze  © by Jack E. Griss 1996

 

Sehr hektisch ging es zu in dem Geschäft! Kein Wunder, - Vorweihnacht! Oder die Zeit nach Halloween oder Advent oder Dezember oder Samichlaus oder Weihnachtsausstellungen oder einfach Hektik! Ein junger Mann grapschte nach einer Packung roter Kerzen, sah kurz auf das Preisschild, - 6.80!  Okay! Natürlich konnte er nicht bemerken, dass die eine der vier Kerzen, die er erstanden hatte, eine ganz besondere Kerze war, die sich, ganz erregt vor Freude, dass sie endlich einmal gekauft wurde, in der engen Schachtel einmal um sich selbst drehte.

Waghalsige Börsengeschäfte

Ben war ein netter, junger Mann, der sehr erfolgreich in einer Bank arbeitete und sich durch Wissen und Fleiss und teilweise recht waghalsigen Börsengeschäften in den letzten Jahren ein beachtliches Vermögen erworben hatte. Er steuerte jetzt in ein Blumengeschäft, in der Hoffnung, doch noch einen Adventskranz zu bekommen, denn es war schon Mitte Dezember. Ben wollte Denise, seiner Freundin eine Freude machen, indem er den Adventskranz bei sich zuhause aufstellte. Einen Strauss mit lachsroten Rosen liess er sich auch noch einpacken.

Denise befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in einem Flugzeug, das sie nach einem zweimonatigen Studienaufenthalt in England wieder zurück in die Schweiz brachte. Die hübsche Frau war nicht gerade in Hochstimmung. Der Zwiespalt zwischen der Wiedersehensfreude mit Ben und der Tatsache, dass sie ihm berichten musste, schwanger zu sein, liessen keine Lockerheit oder Erleichterung aufkommen. Es war nicht so, dass Ben nicht der Vater gewesen wäre, nein, aber sie wusste, dass Ben noch einige Jahre mit Nachwuchs zuwarten wollte. Im Vordergrund stand momentan die Karriere von ihr und ihm. Gemeinsam Geld verdienen, sparen und dann allenfalls kam die Familienplanung. Sie hatte ihm deshalb auch am Telefon nichts gesagt. Sie wollte diese Nachricht persönlich überbringen!

Blaue Kerzen durch die roten ausgetauscht

In der elegant und modern eingerichteten Vierzimmerwohnung stellte Ben den Adventskranz auf einen kleinen, runden Glastisch neben der Couch. Die blauen Kerzen am Kranz tauschte er durch die roten aus, die er sich besorgt hatte. Ein kurzer Blick durch die Wohnung: Ist alles aufgeräumt? Frische Blumen in der Vase? Den Begrüssungs-Champagner kaltgestellt? Alles in bester Ordnung!

Die spezielle rote Kerze thronte stolz zwischen Tannenzweigen und Stechlaub und streckte und reckte sich in der Hoffnung, sie würde dann als erste angezündet, wenn es soweit wäre.

Ben würde seine Denise in etwa einer Stunde auf dem Flughafen abholen, bei sich zu Hause einen kleinen Aperitif geniessen und danach mit seinem Schatz in einem noblen Restaurant ein gemütliches Nachtessen einnehmen. „Da wird es wohl viel zu erzählen geben“, dachte er bei sich und schmunzelte voller Vorfreude vor sich hin. Die Plätze im „Chez Nicola“ hatte er bereits reserviert und nun stand er pfeifend unter der Dusche, -für diesen Abend wollte er sich begreiflicherweise besonders fein machen.

Ganz enttäuscht liess die rote Kerze ihren Docht hängen, als Ben das Licht löschte und die Wohnung verliess. Der Versuch, mit den anderen Kerzen ein Gespräch zu beginnen misslang. Sie hätte es ja wissen müssen, - schon in der Schachtel lagen die anderen Kerzen einfach da und sagten kein Wort! Da plötzlich, ihr erschien es bereits nach einer kurzen Zeitspanne zu sein, öffnete sich die Türe und mit einem fröhlichen „ta –ta –ta- taaa“ komplimentierte Ben seine Freundin in die Wohnung. Ein Streichholz knarzte und eine erste Kerze am Adventskranz wurde angezündet. Leider  wählte Ben nicht die bestimmte rote Kerze aus, sondern eine neben ihr. Eine zweite und gar eine dritte wurden entflammt, - aber sie, sie konnte noch so aufgeregt im Stechlaub vibrieren, sie wurde nicht angezündet!

Die ganze Karriere im Eimer

Nach dem ersten Glas Champagner nahm sich Denise ein Herz und sagte: «Du, Schatz, äh, ich – ich – bin schwanger!» Ben, der sich schon die ganze Zeit über das eigenartige Benehmen seiner Freundin gewundert hatte, sass mit offenem Munde da! «Scheisse», sagte er schliesslich, «die ganze Karriere im Eimer!»

Die Kerze hörte mit Entsetzen die darauf folgende Diskussion, den Streit! Mit Schrecken verfolgte sie die Entwicklung des heftigen Dialoges zweier junger Menschen, der schliesslich darin gipfelte, dass sich die vor Schluchzen geschüttelte Denise und der wütend-deprimierte Ben einig wurden, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Von «Abtreibung» und «es wird schon gehen» bis zu «wird nie klappen» und «könnte ich nicht machen» hatte die Adventskerze alles mitgehört und ihre Besorgnis, nicht angezündet zu werden, wurde für sie völlig unbedeutend.

Jetzt ereigneten sich die Dinge in unaufhaltsamer, blitzartig und gleichzeitig fast bedächtiger Art und Weise: Die beiden Menschen spülten mit dem Champagner Unmengen von Tabletten hinunter. Tränenüberströmt zündete Denise nun auch die vierte Kerze an. Gleichsam als Zeichen der Vollendung, als Signal für einen Abschluss!

Schlafendes Paar und brennende Kerze

Die anderen Kerzen waren schon abgebrannt und nur die vierte Kerze stand, hoch aufgerichtet auf dem Kranz und  und beleuchtete mit ruhiger Flamme das schlafende Paar auf dem Sofa. Die Freude, nun doch brennen zu dürfen, war schon längst der grossen Wut, diesem Geschehen keinen Einhalt bieten zu können, gewichen. Zornig zitterte sie noch einmal an ihrem Standort aus Stechlaub und Tannenzweigen  und - - kippte dabei um.

Dass eine Nachbarin den Brandgeruch sehr schnell bemerkt und die Feuerwehr alarmiert hatte, welche nicht nur den kleinen Zimmerbrand löschte, sondern auch das im todbringenden Schlaf liegende Paar in das Krankenhaus brachte, war sicher nicht das Verdienst der vierten Kerze! Und wenn doch, so hat sie es nicht miterlebt, denn sie wurde zusammen mit anderen verbrannten oder angesengten und mit Löschschaum bedeckten Dingen von der Feuerwehr pflichtbewusst und umgehend entsorgt!

rheintal24/gmh/uh/Jack E. Griss
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