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Altstätten
11.12.2022

«Wer später bremst, ist länger schnell»

Claire vulgo Judith Bach mit ihrer Kostümierung frisch aus dem Brocki
Claire vulgo Judith Bach mit ihrer Kostümierung frisch aus dem Brocki Bild: Gerhard Huber
Einen fulminanten Soloauftritt legte die clowneske Hälfte des Duo luna-tic am Samstagabend im Diogenestheater auf der Bühne hin. Claire vulgo Judith Bach zeigte ein hintergründig-poetisches Musik-Theater-Kabarett mit ihrem Programm «Endlich - ein Stück für immer».

«Claire», das Alter Ego der Berliner Kabarettistin Judith Bach, ist im Rheintal als Teil des Duos «luna-tic» bekannt und beliebt geworden. Jetzt kam sie ohne ihre kongeniale Partnerin Stephanie angereist, um ihr zweites Soloprogramm «Endlich – ein Stück für immer» zu zeigen. Und zeigte sich dabei auch von einer anderen Seite. Weniger clownesk, gar nicht mehr burschikos, wie als als Duo-Widerpart der nobel-elitär-femininen Stephanie, dafür von einer naiv-poetischen Seite.

Kostümierung aus dem Brocki

Obwohl ihre bekannte Kostümierung als Claire noch immer wie aus dem Brocki daherkommt. Ein «Vögele»-Rock, der ständig am Rutschen ist und daher auch ständig wieder hochgerückt werden muss, eine simple weisse Bluse, flache Schuhe, offenbar den Fünfzigern entliehen, eine Sturmfrisur, die an Struwwelpeter erinnert, und ein Gebiss, «das stärker war als alle Zahnspangen».

Auch am Klavier zeigte die Komödiantin und Sängerin Judith Bach ihr Können Bild: Gerhard Huber

Ihr zweites Programm «Endlich – ein Stück für immer» ist keine urlustige Vorführung. Kein Schenkelklopfer-Humor. Keine Flachwitze. Sondern in vielen Teilen ein Stück Poesie. Ein Stück, welches das Thema Tod und Friedhof mit viel Feingefühl und hintergründigem Lächeln begleitet. Ein Stück, welches aber auch den Widrigkeiten und schönen Momente des Lebens mit einer ordentlichen Portion Schmunzeln begegnet.

Kein Lustigsein um jeden Preis

Nein, wenn Claire von ihrer Oma Fritz, die im Friedhof ihren (Un-)ruhestand gefunden hat, erfährt, dass ihr vieljähriger Gatte nicht ihr Traummann oder Lebensmensch gewesen sei, sondern sie diesen Einen, den man nur einmal im Leben findet, in den Kriegswirren verloren hat, und diese Geschichte mit Scherzen in ihrer Berliner Schnauze würzt, dann ist das kein Lustigsein um jeden Preis, sondern echte Poesie.

Köstlich ihre Zwiegespräche mit der verstorbenen Oma Fritz Bild: Gerhard Huber

Echte Poesie ist auch die Geschichte, dass Claire am Friedhof einen Briefkasten aufgestellt habe, und als Briefträgerin die an die Verstorbenen eintreffenden Schreiben zustelle. Und echte Poesie ist es, wie sie diese Geschichten rund um die Endlichkeit des Lebens mit charmanten Pointen und feiner Klinge über die Bühne bringt.

Schallplatte mit Sprung

Grossartig wie auch bei ihrer Darstellung im Duo luna-tic spielt Judith Bach auf dem Klavier und singt mit schöner, wohltönender Stimme ihre Lieder. Fröhlich-komisch ein Potpourri verschiedender Schlagermelodien von einer Platte mit Sprung, die in einer vielmaligen Wiederholung des Refrains von «Ti amo» mündet. Vom ganzen Publikum im Diogenes mit Lust und Laune mitgesungen.

Und einmal, ja einmal fällt Claire so richtig in ihre burschikose Rolle zurück, wenn sie auf der Bühne einen Kopfstand macht. Lustig wurde es, als sie vom Lebensmotto eines Schafs erzählt: «Komme, was wolle.» Oder wenn sie den Begriff «midlife crisis» mit «Lebensmittelkrise» übersetzt. Und mit Verweis auf ihr Struwwelhaar einwirft «Ich liebe Fahrtwind im Haar» und «Wer später bremst, ist länger schnell». Claire hat ihrem Publikum im «berühmtesten Theater von Altstätten» einen schönen und vergnüglichen Abend bereitet, an dem man gelernt hat, dass man schon vor dem Tod auf dem Friedhof probeliegen kann.

rheintal24/gmh
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