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10.12.2022

Jack E. Griss: Der Schneemann

Bild: istockphoto
Rheintal24 präsentiert zur Advents- und Weihnachtszeit Geschichten des Altstätter Autors Jack E. Griss. Der Start dieser Serie erfolgt heute mit «Der Schneemann».

Der Schneemann   

von Jack E. Griss

Es braucht schon ein wenig Geduld, - aber es lohnt sich! Bestimmt, es lohnt sich, - den  Kopf zu heben während dicke Schneeflocken leise und langsam zu Boden schweben, und vielleicht  mit blinzelnden Augen, jedoch konzentriert in das Schneegestöber zu blicken. Nach einer Weile erfasst es dich, es  hebt dich empor, - völlig berührungslos aber ein angenehmes Gefühl verspürend schwebst du gegen den sanften Strom der abertausend Schneeflocken himmelwärts.

Schnee war zu trocken

Dem Schneemann, der neben der alten Scheune stand, waren derartige Gefühle oder Erlebnisse bis anhin völlig unbekannt. Am vergangenen Mittwoch erst hatten ihn mehrere Kinder aus der Nachbarschaft gebaut. Jawohl, richtiggehend gebaut, denn eigentlich war der Schnee zu trocken, das heisst die Temperaturen waren seit Tagen unter dem Gefrierpunkt gelegen und der reichlich vorhandene Schnee liess sich nur sehr schlecht formen. So konnten die Kinder nicht die üblichen grossen Schneerollen wälzen, welche dann zu einem Schneemann aufgetürmt werden konnten.

Ihrem Schneemann hatten die Kinder spontan den Namen „Klopfi“ gegeben, weil sie bei dessen Erstellung sehr oft und fest den zu verbauenden Schnee mit Schaufeln und auch mit den Händen klopfen mussten. Auf Anraten von Lilis Mutter setzten die Schneemannbauer sogar Wasser ein, das sie mit einer Giesskanne aus einem Brunnentrog schöpften, bei welchem sie zuerst mit viel Gejohle und allerlei speziellem Werkzeug eine dicke Eisschicht zertrümmern mussten. Trotz der herrschenden Kälte kamen die Kinder bei ihrer Arbeit arg ins Schwitzen und manch eines warf Mütze und Halsschleife beiseite, um mit erhitztem Kopfe und voller Begeisterung ihren Schneemann zu vollenden.

Winterliche Gestaltungsaktion

Die mit fröhlichen Gesprächen und hektischer Emsigkeit betriebene, winterliche Gestaltungsaktion fand ein rasches Ende, als Lilis Mutter die Schneeplastiker bat, doch jetzt ins Haus zu kommen, da es schon zeitig gegen den Abend zu ging und die rasch zunehmende Dunkelheit den herrlichen Wintertag verabschiedete.

«Klopfi», schien bereits vollendet zu sein! Er hatte einen dicken Schneebauch, einen kugelrunden Kopf mit Kieselsteinaugen und einer Rübennase nebst einem Holzscheitchenmund und einem roten Plastikeimer als Hut! Ausserdem hielt er mit dem linken seiner beiden Stumpenarme einen grossen Ast, welcher im Herbst von der alten Buche nebenan vom Winde abgebrochen worden war; sogar ein altes Paar Turnschuhe war unter dem wuchtigen Bauch als Fussbekleidung installiert worden. Klopfi also schien vollendet und die Kinder waren im Moment nicht da.

Dicke, dichte Flocken

Auf einmal begann es, was bei der herrschenden Kälte wirklich sehr ungewöhnlich war, in dicken, dichten Flocken zu schneien. Klopfi erhob seine Kieselsteinaugen nach oben und blinzelte in das Gestöber! Trotz der hereinbrechenden Nacht konnte er die auf ihn zustürzenden Flocken erkennen. Nach einer Weile fühlte er sich hochgehoben und schwebte sachte gegen den Strom der abertausend  Schneekristalle himmelwärts! Er stieg empor, bis er hinter einer dicken Wolke verschwand! Obgleich Klopfi nicht das Gefühl hatte, lange unterwegs gewesen zu sein, erschien ihm die Landschaft, welche er nun in einer Art schummriger Neonbeleuchtung unter sich erblickte, völlig fremd und unbekannt.

Er wurde sehr sachte auf einem Schneefeld abgesetzt. Um ihn herum standen bereits mehrere hundert Schneemänner, auch Schneefrauen und Schneekinder waren darunter. Aber als Klopfi genauer hinsah, konnte er feststellen, dass die Schneeleute nicht standen, sondern sich gemächlich vorwärts bewegten und dabei miteinander plauderten und dazu gar mit ihren Armen, sofern vorhanden, heftig gestikulierten. Bisweilen unterbrach sogar lautes Lachen die neben dem Schneemanngemurmel herrschende Stille.

«Schaust gut aus!», sagte ein stattlicher Schneemann, der sich unversehens zu Klopfi gesellt hatte und diesen, mit der laut vorgebrachten Bemerkung erschreckend, aus seinen Gedanken in die unwirkliche Wirklichkeit zurückgeholt hatte. «Man sieht, dass du heute das erste Mal da bist! Du schaust so verwundert aus deinen Kieselsteinaugen, dass man gleich erkennen kann: Aha, frisch gebaut, und komisch geschaut, - das erste Mal im Schneemanntal!», bollerte der fremde Schneemann ob seines gelungenen Reimes!

Alteingesessener und Neuankömmling

Schüchtern ging Klopfi einige Schritte neben dem anderen Schneemann her und es entwickelte sich in kurzer Zeit eine rege Diskussion zwischen dem Alteingesessenen und dem Neuankömmling. Nachdem Klopfi von seiner Herkunft aus dem Rheintal und auch über seine Erbauer Auskunft gegeben hatte, erfuhr er nahezu alles, was ihn an seinem neuen, ungewohnten Aufenthaltsort interessierte. Alle anwesenden Schneeleute, und es waren entgegen Klopfis erstem Eindruck mehrere Tausend aus vieler Herren Länder in denen es Schnee gab, unterhielten sich in der Schneesprache.

Sie kamen jeweils über Nacht, wenn die Menschen schliefen hier in das Schneemanntal, welches sich irgendwo zwischen Dings und Sowieso befand. Es gab hier Figuren ohne Kopf, ohne Arme und andere wiederum waren kunstvoll dekoriert und verziert. Klopfi sah Schneeleute aus Eis und aus Kunstschnee, vom mickrigsten Häuflein bis hin zu gigantischen Schneefiguren. Ohne Unterschied von Grösse und Form, Ausstattung oder Herkunft waren alle Schneefiguren berechtigt, während der Nacht hierher zu kommen, Eistee zu trinken und untereinander ihre Gedanken aus zu tauschen. Es gab nicht wirklich Männer, Frauen oder Kinder, das hatten sich nur die Menschen ausgedacht!

An Standplätzen verharren

Die Schneeleute hatten untereinander auch keine Namen. Man redete sich einfach mit «Hallo du!» an und weil praktisch alle Schneemänner tagsüber stillschweigend an ihren Standplätzen verharren müssen, waren sie begierig auf die Gespräche, welche dann jeweils sehr schnell und umfassend in Gang kamen.  Der nächtliche Aufenthalt hatte, abgesehen von der kleinen Erfrischung mit dem Eistee, nur den einen Zweck, nämlich eine rege Diskussion unter den Schneemännern zu pflegen. Auf diese Weise sammelten die Anwesenden Nacht für Nacht ein immenses Wissen über Geschehnisse und Zustände aus aller Welt! Es gab eigentlich nur eine wichtige Gesprächsregel: Es durfte niemandem widersprochen werden! Man durfte erzählen was und so viel man wollte oder konnte und war gleichermassen verpflichtet, auch zu zu hören, ohne das Gehörte  zu kommentieren oder gar zu widersprechen.

Erste Nacht im Schneemanntal

Auf diese Weise ging natürlich die Nacht sehr rasch vorbei und Klopfi befand sich bereits im Morgengrauen wieder auf der Wiese hinter der alten Scheune! Während die letzten Morgennebel sich erhoben und die Sonne hinter den Bergen hervorkam und die ganze Schneelandschaft in ein aufregendes Glitzern und Gleissen versetzte, hatte Klopfi genügend Zeit, über seine erste Nacht im Schneemanntal nach zu denken. Kaum erkennbar verzog sich sein Holzscheitchenmund zu einem Schmunzeln. Er dachte an die vielen Geschichten, welche ihm im Schneemanntal zu Ohren gekommen waren und er nahm sich fest vor, in der kommenden Nacht seine Eindrücke aus dem Rheintal den anderen Schneeleuten mit zu teilen.

Kurz vor Mittag, es war ein Sonntag und in der wärmenden Sonne war Klopfi bereits der Plastikeimer auf seinem Kopf etwas zur Seite gerutscht, kamen die Kinder aus dem Haus und hüpften jubelnd um ihn herum. Die Erwachsenen wurden aus dem Haus gerufen, denn die Kinder wollten ihnen ihr Kunstwerk vom Vortag präsentieren. Der Vater und die Mutter, wie auch der Onkel und die Tante, die auf Besuch gekommen waren, lobten Klopfi und Onkel Eduard meinte noch, heute wäre auf Grund der wärmeren Temperatur ein günstiger Tag, einen zweiten Schneemann zu bauen. «Aber erst nach dem Mittagessen!», intervenierte die Mutter und bat alle, möglichst rasch zum Essen zu kommen.

Wunderbare Kohlenaugen

Tatsächlich wurde am Nachmittag dieses Tages neben Klopfi noch ein weiterer, stattlicher Schneemann errichtet. Onkel Eduards Fachkenntnisse im Schneemannbauen führten dazu, dass der neue Schneemann erstens wesentlich grösser und dann aber vor allem von den wunderbaren Kohlenaugen und den Kartoffelknöpfen über den alten Militärhelm bis hin zum Strohbesen weit prächtiger ausgestattet war als Klopfi. Lili hatte vorgeschlagen, der zweite Schneemann möge doch, in Anlehnung an den Namen ihres Onkels Eduard «Edi» heissen.  Mit lautem Gelächter wurde der Vorschlag gut geheissen. Tante Erna allerdings konnte es sich nicht verkneifen, über den, wie sie meinte, nur geringfügigen Unterschied  zwischen Eduards und Edis Bauch, eine von Gejohle quittierte Bemerkung zu machen.

Schneekunstwerk verlassen

Als die ganze Gesellschaft dann fröhlich plaudernd und noch einmal voll Zufriedenheit zurückblickend ihr Schneekunstwerk verliess, um zum Kaffee zu gehen, wollte Klopfi seinem neuen Schneenachbarn etwas sagen. Er war ausserordentlich enttäuscht, dass ihm dies nicht gelang und es wurde ihm klar, dass er wohl auf die Nacht im Schneemanntal werde warten müssen. Und wirklich, als die Nacht hereingebrochen war und sich die Menschen in die Häuser verzogen hatten, erhoben sich die beiden Schneemänner und machten sich von nun an Nacht für Nacht auf den Weg in ihr Paradies.

Das Frühjahr rückte nun immer näher, die Sonne hatte schon spürbar an Kraft gewonnen, da waren aus den beiden Schneemännern ziemlich unansehnliche Häufchen geworden, auf denen Kieselsteine und Kohlen und etwas Holz herum lag. Die Turnschuhe und den Helm, den Plastikeimer und den Besen hatte die Mutter längst wieder verräumt.

Schnee von gestern

Als an Ostern Onkel Eduard und Tante Erna wieder zu Besuch da waren und dann auch an den beiden Schneehäufchen vorbeispazierten, konnten sie nicht ahnen, wie viele erstaunliche Geschichten hier weg geschmolzen waren. Onkel Eduard sagte lachend zu seiner Frau: «Schnee von gestern!» und deutete dabei auf Klopfis und Edis nahezu traurig stimmende Überreste.

 Lilis Mutter, welche noch einen Moment stehen geblieben war, vermeinte im nahen Bächlein, wo sich das Schmelzwasser sammelte, kurz ein gluckerndes Lachen gehört zu haben.

Geschichtenerzähler Jack Griss Bild: zVg

Zur Person:

Jack Griss, Altstätten

Theater und Kabarett spielen, Texte schreiben und diese vortragen, das waren und sind die nebenberuflichen Aktivitäten des pensionierten Lehrers. Was da in den letzten 50 Jahren neben der «Volksbildhauerei» so lief: Zwischenzeitlich als Tanzmusiker und als Gründungsmitglied des «Spielkreis Götzis» (1965) aktiv, bei der Wiedergeburt des «DIOGENES» – Theaters beteiligt (1977), bei den «Wühlmäusen» in Vorarlberg dabei und dann etwa zwei Jahrzehnte die «Altstätter Schimpfoniker» geleitet. Welche von diesen verschiedenen Aktivitäten er gerade noch oder wieder zu pflegen pflegt, müssten sie ihn selbst fragen!

 

red/Jack Griss
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