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Altstätten
28.05.2021

Schwarze Komödie im Gartenparadies

Gespannt und hochkonzentriert warten die Schauspieler auf ihren Auftritt Bild: Ulrike Huber
Im Garten des Diogenestheaters wurde „Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt gegeben. Die Premiere sah eine engagierte Regie- und Schauspielleistung, ein frierendes, aber glückliches Publikum und eine schwarze Komödie.

In Friedrich Dürrenmatts 1956 veröffentlichten Erzählung »Die Panne« kann der Protagonist Alfredo Traps am Ende nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden. Durch eine Autopanne in einen Kreis von Juristen im Ruhestand geraten, die zum Zeitvertreib eine Gerichtsverhandlung inszenieren, übernimmt Traps die Rolle des Angeklagten.

Wer viel trinkt, muss auch viel schlafen Bild: Ulrike Huber

Obschon vor dem öffentlichen Gesetz unschuldig, vollstreckt er das im Spiel ergangene Todesurteil gegen sich selbst, da er die moralische Verwerflichkeit seines Lebens erkennt. Das Werk ist in einem kleinen Dorf in der Gegenwart angesiedelt und trägt den Untertitel »Eine noch mögliche Geschichte«.

  • Ulrike Jäger als taube Tante Simone von Fuhr Bild: Ulrike Huber
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  • Marisa Nuber (re.) spielte überzeugend die männermordende Justine von Fuhr Bild: Ulrike Huber
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  • Regisseurin Kristin Ludin bot eine sehr gute Adaption des Bühnenstücks Bild: Ulrike Huber
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  • Clarissa Nussbaumer wirkte in der Anfangsszene als MMe. Bankier Knall und als Souffleuse Bild: Ulrike Huber
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  • Annika Künzler als Frauenrechtlerin Emma Pracht (ganz links) hatte leider nur einen kurzen Auftritt Bild: Ulrike Huber
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  • Das Publikum amüsierte sich prächtig Bild: Ulrike Huber
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  • Die Polizisten Bruno Baettig und Remo Egger entsorgen den Sarg des Handelsvertreters Traps Bild: Ulrike Huber
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Mehrere Enden derselben Geschichte

Die Erzählung und ihr Ausgang sind, wie der Untertitel sagt, nur eine mögliche Geschichte. Zu demselben Thema gibt es von Dürrenmatt eine Komödie, an dessen Ende sich Traps erschießt, und eine Hörspielfassung. Darin schläft Traps seinen Rausch aus und setzt am nächsten Tag sein gewohntes Leben fort. Wie in jedem seiner Werke setzt Dürrenmatt sich auch hier auf beeindruckende Weise mit dem Begriff der Gerechtigkeit auseinander und stellt die Frage, ob es möglich ist, in dieser Welt zu leben, ohne Schuld auf sich zu laden.

Die Handlung bezog immer wieder auch den Garten mit ein Bild: Ulrike Huber

Regisseurin Kristin Ludin hat sich für die Altstätter Aufführung einige Änderungen einfallen lassen. Es ist kein Kreis von gerne den besten Wein trinkenden alten Juristen, die während eines lustigen Beisammenseins eine Gerichtsverhandlung gegen den Handeslvertreter Alfredo Traps durchführen, sondern eine illustre Runde munterer alter Damen. Eine pensionierte Richterin, eine ebensolche Staatsanwältin, eine Verteidigerin und sogar eine Henkerin.

Bild: Ulrike Huber

Das Ende am Anfang

Und Kristin Ludin stellt das Ende an den Anfang des Stücks. Sie lässt jene Fassung von «Die Panne» vortragen, in der sich Alfredo Trips selbst erhängt, erschüttert von seinen ihm in der Verhandlung bewusst gewordenen Untaten. Gleich zu Beginn der Vorstellung wachen die vier Alten Damen aus ihrem Rausch auf und wird der Sarg von den beiden Dorfpolizisten abgeholt. Es ist die letzte Szene des Stücks, die gleich zu Beginn gespielt wird, danach gibt es gleich den vorgezogenen Schlussapplaus, damit «die Schauspieler in den Nebenrollen der letzten Szene nicht noch eineinhalb Stunden auf ihren Auftritt warten müssen.»

  • Die private Gerichtsverhandlung beginnt Bild: Ulrike Huber
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  • Karin Kehl als Henkerin Rosa Pilet Bild: Ulrike Huber
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  • Corine Hermann als Verteidigerin Johanna Kummer Bild: Ulrike Huber
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  • Anja Lässig als Staatsanwältin Frieda Zorn Bild: Ulrike Huber
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  • Petra Hoppe als Richterin Luisa Wucht Bild: Ulrike Huber
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  • Die Verteidigerin hat es mit ihrem förmlich nach eigener Schuld suchenden Mandanten nicht einfach Bild: Ulrike Huber
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  • Wisi Ruch als Textilreisender Alfredo Traps Bild: Ulrike Huber
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  • Bild: Ulrike Huber
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Höhepunkt der Aufführung ist natürlich der private Gerichtsprozess gegen Alfredo Traps, der von Wisi Ruch mit Nonchalance und dem typischen Selbstbewusstsein eines erfolgreichen Geschäftsmanns und Frauenhelden gespielt wurde. Ebenso überzeugend der Rest des Ensembles, vor allem natürlich die Protagonistinnen Petra Hoppe als Richterin Luisa Wucht, Anja Lässig als sich schlau in die Wahrheit hinein kombinierende Staatsanwältin Frieda Zorn, Corine Hermann als Verteidigerin Johanna Kummer, die mit ihrem nach der eigenen Schuld suchenden Mandanten nicht leicht hat, und Karin Kehl als Henkerin Rosa Pilet.

Bild: Ulrike Huber

Besonderes Lob für Kostüme und Maske

Besonderes Lob gehört den Akteuren hinter den Kulissen, nämlich den Verantwortlichen für Kostüme und Maske Yvonne Sonderegger und Maria Sala. Die das Kunststück zustande brachten, vier alte, gebrechliche Damen auf die Bühne zu zaubern, deren Akteurinnen «in Wahrheit viel jünger und hübscher sind», wie es Diogenes-Präsident Michel Bawidamann galant formulierte.

Alles in allem ist diese erste Diogenes-Eigenproduktion nach der Coronapause ein mehr als gelungenes Stück. Der paradiesische Garten bietet einen einmaligen, eindrücklichen Aufführungsort. Umso eindrücklicher, als die Regisseurin ihre Schauspieler im ganzen Gartenbereich mit Teich hinter dem «Richtertisch» agieren lässt und so die prächtige Kulisse in das Spiel um Schuld und Unschuld miteinbezieht. Jedem Theaterliebhaber, und allen, die es noch werden wollen, sei geraten, sich um Karten der weiteren Vorstellungen zu bemühen.

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«Die Panne» - Schwarze Komödie von Friedrich Dürrenmatt; Diogenestheater Alstätten

Für folgende Vorstellungen sind noch Karten erhältlich:

Mittwoch, 2. Juni; Freitag 4. Juni; Samstag, 5. Juni; Freitag, 11. Juni; Samstag, 12. Juni; jeweils ab 20.00 Uhr.

gmh/uh