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Oberriet
27.12.2020

Silvesterknallerei – eine Qual für die Tiere

Viele Haustiere werden an Silvester durch Lärm verängstigt (Bild: Shutterstock) Bild: shutterstock
Alle Jahre wieder kommt nicht nur die ruhige, besinnliche Weihnachtszeit sondern wenige Tage später der grosse Silvesterlärm, die grosse Neujahrsbegrüssungsknallerei. Eine Qual für alle Haustiere.

Kater «Fritz» war der Liebling der ganzen Familie. Ein langhaariger verschmuster Schnurrer. Freiheitsliebend und immer auf der Suche nach Abenteuern war er ein begeisterter Freigänger. Leider auch an einem Silvesterabend vor einigen Jahren. Von dem er zunächst nicht zurückkam. Fritz, der sich doch nie mehr als gute hundert Meter von seinem Futternapf und seinem höchstpersönlichen Personal, seinen Dosenöffnern und Schmusepartnern, entfernt hatte.

Dr. Andreas Büchel, Tierarzt aus Oberriet, gibt Tipps, wie man seinen Haustieren den Silvesterkrach erleichtern kann (Foto: zVg) Bild: zVg

Kläglich miauend gefunden

Einige Tage später fanden ihn seine Häppchengeber im örtlichen Tierheim wieder, immer noch vollkommen verschreckt. Er war etwa zwei Kilometer von zuhause kläglich miauend von einem Katzenfreund gefunden worden, der wusste, wie ein verstörter Kater zu behandeln war. Und der ihn im Tierheim abgegeben hatte, wo sein Chip ausgelesen und seine Familie verständigt werden konnte.

Was war passiert? Man kann es nur vermuten, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde das langfellige Katzentier durch die von offensichtlich nur mit Lärm feierfähigen Menschen geworfenen Böller und das Zischen und Knallen der Feuerwerksraketen derart verschreckt, dass er sich auf der Flucht vor diesem unbekannten und Angst einflössenden Lärm verlaufen hatte.

Ein Silvesterfeuerwerk ist nicht nur schön, sondern auch laut (Bild: restplatzboerse.ch) Bild: restplatzboerse.ch

Zuverlässig eintreffende Anrufe

Diese Episode deckt sich mit den Erfahrungen, die der Oberrieter Tierarzt Dr. Andreas Büchel jeweils zum Jahreswechsel machte: «Sehr viele Tiere, vor allem Hunde, haben mit den Böllern und Raketen zu Silvester ein grosses Poblem. Für ihre empfindlichen Ohren ist die Knallerei eine nicht einzuordnende Qual.» So wartet der Tierarzt jedes Jahr während des Bereitschaftsdienstes zu Silvester auf die zuverlässig eintreffenden Anrufe wegen verstörter und verängstigter Haustiere.

«Vor einigen Jahren hat sich ein Hund in seiner Angst orientierungslos und auf der Flucht vor den lauten Schussgeräuschen sogar auf Autobahn verirrt und ist dort überfahren worden. Ein anderer Hund ist die ganze Nacht nur noch gerannt und gerannt. Über acht Kilometer. Als man ihn zu mir brachte, waren die Krallen komplett abgewetzt und die Pfoten verletzt.»

Vor allem Hunde haben mit dem Böllern und Raketenabfeuern ein grosses Problem (Bild: erneuerbareenergien.de) Bild: erneuerbareenergien.de

Tipps und Tricks zur Beruhigung der Tiere

Wobei es auch andere Tiere gebe, die erstaunlich ruhig bleiben und das Silvestergeknalle gut verkraften würden. Aus medizinischer Sicht gebe es einige Tipps und Tricks, um vor allem Hunde zu beruhigen, so Tierarzt Dr. Andreas Büchel: «Vielleicht hat man einen etwas schallgedämpften Raum im Keller. Oder man zieht dem Tier ein eng anliegendes T-Shirt an, dann fühlen sie sich geborgen. Man kann auch Medikamente mit Glückshormonen und angstlösende Pharmazeutika bis zu Benzodiazepinen einsetzen, wobei das konkrete Medikament und die Dosis vorab mit dem Veterinär besprochen werden sollten.»

Bereits einige Tage vor Silvester können entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. So sollten Hunde in bewohnten Gebieten nur noch angeleint ausgeführt werden, denn verfrühte Kracher könnten sie in panischem Schrecken davonlaufen lassen. Am Silvesterabend selbst sollten Türen und Fenster geschlossen sein, gegebenenfalls können auch Rollos heruntergelassen werden, um den Lärm ein wenig zu dämpfen. Idealerweise sollte Hunden, Katzen, Vögeln, Meerschweinchen und anderen Kleintieren ein ruhiger Platz in einem Raum geschaffen werden, der nicht direkt zur Straßenseite liegt. Vogel- und Kleintierkäfige sollten dabei weit vom Fenster entfernt stehen und zusätzlich durch ein großes Tuch abgedeckt werden.

Vogelkäfige sollten mit einem grossen Tuch verhängt werden (Bild: haustierratgeber.de) Bild: haustierratgeber.de

Ihrem Halter zurückgebracht

Zum Glück sind die meisten Haustiere heutzutage gechipt. So können die in der Silvesternacht immer wieder gefundenen Hunde, die verstört und sichtlich verängstigt sind, über den ausgelesenen Chip ihren Haltern zugeordnet und zurückgebracht werden.

Überraschenderweise kommen die Wildtiere mit der Lärmkakophonie in der Neujahrsnacht sogar etwas besser zurecht. Büchel: «Diese Tiere sind «Profis im Flüchten» und haben im Wald ihre Rückzugsmöglichkeiten, ihre Verstecke, wo sie wissen, dass ihnen nicht viel passieren kann. Aber alles in allem ist Silvester für uns Tierärzte ein grosses Thema.»

Wildtiere kommen mit dem Lärm etwas besser zurecht (Bild: restaurant-soeder.ch) Bild: restaurant-sueder.ch

Unbekannte Plage und Bedrohung

Viele begrüssen das neue Jahr mit einem Feuerwerk. Für viele Personen ein Augenschmaus, für Tiere eine unbekannte Plage und Bedrohung. Raketen und laute Knallkörper lösen Angst aus und können zu Verletzungen führen. Deshalb appellieren Tierschutzvereine und Tierärzte immer wieder, zum Jahreswechsel besonders Rücksicht auf die Tiere zu nehmen.

Verzichten Sie aus Tier- und Umweltschutzgründen und zur Schonung Ihres Geldbeutels auf die vollkommen sinnfreie Knallerei mit Böllern und Kanonenschlägen. Und reden Sie mit ihrer hoffnungsvollen Jugend darüber, was für ein Quatsch diese reinen Lärmerzeuger sind.

Allen, die nicht auf jegliches Feuerwerk verzichten wollen, wird geraten, auf das Angebot an bunten und leuchtenden Raketen, die keinen oder wenigstens wenig Krach machen, zurückzugreifen. Nicht nur die Tiere und Tierfreunde, sondern auch alle Baby und Kleinkinder und alle jene kranken und erschöpften Menschen, die ihren Schlaf brauchen, werden es Ihnen danken.

Erschreckte Hunde flüchten oft über viele Kilometer vor dem für sie nicht einordenbaren Lärm (Bild: vier-pfoten.ch) Bild: vier-pfoten.ch
gmh/uh