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21.11.2020

Rheintaler Holzrücker gründen Verein

Das Burgdorferpferd Othello mit Andreas Giger auf einem der zahlreichen Hindernisse des Übungsparcours (Bilder: Ulrike Huber)
Die Rheintaler Holzrücker haben einen Verein zu gründen. Um ihren Sport noch intensiver betreiben zu können und für das Jahr 2022 einen grossen internationalen Fuhrmannstag vorzubereiten.

Es ist an diesem wolkenlosen sonnigen Samstagnachmittag viel Betrieb auf der Übungsanlage der aktiven Holzrücker des unteren St. Galler Rheintals. Gleich vier Männer sind mit ihren grossen und kräftigen Kaltblütern beschäftigt. Immer wieder hört man die Kommandorufe «wisst» und «hott», also «links» und «rechts». Wobei die Pferdefreunde ihre vierbeinigen Arbeitskollegen nicht anbrüllen oder gar mit Gerte oder Peitsche traktieren, nein, eher leise und liebevoll reden sie mit ihren Tieren, sagen diesen, was zu tun ist. Rösser, die scheinbar jedes Wort verstehen, die ohne Zwang und mit sichtlichem Spass an der Sache die Übungsbaumstämme über die vielfältigen Hindernisse ziehen. Oder mit dem angespannten Holzschlitten durch einen Parcours laufen.

Dampfwolken in der klaren Luft

 Ein wunderbares Bild, wie die Pferde aus ihren Nüstern Dampfwolken in die klare Luft ausstossen, und nach getaner Arbeit mit ihren Besitzern zusammenstehen und ihnen ins Ohr schnauben. Es soll gleich klargestellt werden: das Holzrücken ist keineswegs Tierquälerei, sondern die adäquate Beschäftigung für diese grossen, muskulösen Rösser, die seit Jahrhunderten für diesen Zweck gezüchtet wurden. Kaltblüter, die Pflugscharen ziehen, Waldarbeiten verrichten, vor jede Kutsche gespannt werden können, und die aufgrund ihrer Gutmütigkeit und Berechenbarkeit ideal für den therapeutischen Reitsport geeignet sind. Oder schlicht als Freizeitpartner ihren Besitzern viel Freude bereiten.

Burgdorfer-Wallach Othello und Noriker-Stute Lolita beim Einsatz als Zweispänner.

Wie etwa der elfjährige Nick, ein Freiberger Wallach, der gemeinsam mit seinem Führer Sandro Rohner aus Widnau einen Baumstamm problemlos über die Wippen und Rampen des Übungsparcours wuchtet. Otto Waibel, Hufschmied aus Balgach lässt seine 16-jährige Sunshine gerade den Holzschlitten ziehen. Sunshine ist ein aussergewöhnliches Pferd. Denn ihre Mutter wurde aus den USA importiert und mit einem belgischen Kaltblut gekreuzt. Und da ist da noch der «Oldie» und Übungsleiter der Truppe. Walter Spirig betreibt mit seiner Norikerstute Lolita schon lange das Holzrücken. Insgesamt sind es zehn Frauen und Männer, die sich immer wieder mit ihren starken langmähnigen Pferden auf dem Übungsplatz im Rheintaler Ried zusammenfinden.

Ausbildungsdauer von Tier zu Tier verschieden

«Die Ausbildungsdauer zum Holzrückepferd ist von Tier zu Tier verschieden. Ein gutes Rückepferd wird zwei, drei Monate «eingefahren». Die Feinheiten aber, nämlich ein gutes Ross, das auf die Stimme, die Tonlage und die Laute auf hohem Niveau reagiert, dauert ein bis zwei Jahre», erzählt Andreas Giger aus Balgach, der mit seinem Pferd Othello ein verschworenes Duo bildet.

An und für sich ist das Holzrücken für Giger und seine Kollegen auf dem Übungsplatz ein typisches Hobby. Sie sind aber jederzeit in der Lage, echte Holzrückearbeiten im Wald anzunehmen. «Der Pferdeeinsatz bei Holzarbeiten im Wald hat viele unbestreitbare Vorteile. Von der Schonung des Bodens, dem geringen Flächenbedarf für Rückegassen und -wege, der Einsetzbarkeit in schwierigem Gelände und bei problematischen Bodenverhältnissen, der gezielten Schonung von Naturverjüngungen.»

Das Burgdorferpferd Othello mit Andreas Giger auf einem der zahlreichen Hindernisse des Übungsparcours

Auf kurze Distanzen schonender und effizienter als die Maschine

 «Wir sind auf kurze Distanzen von gut fünfzig bis hundert Meter sehr effizient und schonend. Das Holzrücken über lange Distanzen wie noch vor fünfzig oder hundert Jahren ist natürlich heutzutage nicht mehr rentabel. Das grosse Problem ist, dass das Holz aufgrund des grossen Preisverfalls in den letzten Jahrzehnten so wenig wert ist, dass es etwa bei Erstdurchforstungen gar nicht mehr aus dem Wald herausgenommen, sondern einfach liegengelassen wird.» Mit Stolz zeigt Giger Fotos von einem Grossauftrag für ihn und seine Kollegen im Naturschutzgebiet bei Mels, als sie mit ihren Pferden über mehrere Tage hart arbeiteten. Wobei ein gesundes, gut trainiertes Zugpferd etwa 10 bis 15 % seines Körpergewichtes von etwa 500 bis 800 kg über eine längere Zeit problemlos ziehen kann, ohne dass negative gesundheitliche Folgen zu erwarten wären. Kurzfristig können diese stämmigen, muskelbepackten Tiere sogar Lasten bewegen, die über 50 % ihres Körpergewichts betragen.

Rheintaler Fuhrmannstage 2022

Die Rheintaler Holzrückerinnen und Holzrücker haben vor gut einem Monat einen eigenen Verein gegründet. Der Verein steht unter der Führung von Rolf Lüchinger. Ziel des Vereins ist es das Wissen im Holzrücken mit Pferden an junge Leute weiter zu geben. Für das Jahr 2022 ist ein grosser internationaler Fuhrmannstag geplant. Dieser findet voraussichtlich am 27./28./29. Mai 2022 im «Kriessner Wäldchen» statt. Es wird ein erlebnisreiches Wochenende für alle Pferdefreunde mit Fuhrleuten aus Deutschland, Österreich, Südtirol und aus der Schweiz. Mit einem Teilnehmerfeld aus amtierenden und ehemaligen Europameistern im Pferdeholzrücken. Mit spannenden Wettkämpfen im ein- und zweispännigen Holzrücken. Als weiteres Highlight eine Nacht der Giganten vorgesehen, bei dem sich die Gespanne in der Zugleistung zweispännig messen und das kräftigste Gespann ermittelt wird.

Damit so ein Grossanlass gelingt braucht es auch die Unterstützung von Sponsoren und Gönnern. Das Organisationskomitee unter der Leitung von Andreas Giger steht schon in den Startlöchern.

Bleibt zu hoffen, dass Menschen und Tierfreunde Rolf Lüchinger, Andreas Giger und seine Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Vereinsgründung und ihren sportlichen Vorhaben Erfolg haben und weiterhin die schöne Tradition des Holzrückens lebendig erhalten. Und damit auch dafür sorgen, dass die Kaltblutrassen nicht aussterben.

gmh/uh