Beinahe dreihundert Interessierte strömten am Dienstagabend in die MZH Bünt in Berneck. «Das hätten wir nicht erwartet», war Andreas Reis von der Bernecker Findungskommission für einen neuen Gemeindepräsidenten überrascht. Doch das Thema der Wahl eines neuen Gemeindeoberhaupts ist bei den Bewohnern des Weindorfs präsent, schliesslich ist seit dem Umzug von Bruno Seelos ins Widnauer Rathaus die Gemeinde nominell ohne Führung.
Drei Kandidaten und ein Favorit
Zwei geeignete Kandidaten in zweiter Runde
In einer ersten Runde war die Findungskommission nicht erfolgreich und konnte keinen passenden Kandidaten finden, wie Andreas Reis erzählte. Doch in einer zweiten Runde seien mit der Ratsschreiberin Shaleen Mastroberardino-Frei und Fabian Hutter zwei geeignete Kandidaten herausgefiltert worden. Dazu komme mit Christopher Schulz ein Kandidat, der sich von sich aus um das oberste Amt im Ort bewirbt.
Chefredaktor Gert Bruderer vom «Rheintaler» moderierte die Kandidatenrunde gewohnt humorvoll und schlagfertig. Und gab den Kandidaten zunächst das Wort, um sich selbst und ihre Motivation und Visionen für die Gemeinde in maximal fünf Minuten vorzustellen.
In laufende Projekte involviert
Gemeinderatsschreiberin Shaleen Mastroberardino-Frei verwies auf ihre Ausbildung als patentierte Rechtsagentin, ihre Erfahrung in der Rechtsabteilung der Firma Jansen. Natürlich auch darauf, dass sie in alle laufenden Projekte der Gemeinde bereits involviert und aus ihrer Tätigkeit als Bernecker Gemeinderatsschreiberin das entsprechende Know-How und Erfahrung für das Amt einer Gemeindepräsidentin mitbringe.
«Berneck ist mein Bürgerort, mein Arbeitsort und ab Herbst wieder mein Wohnort. Kurz gesagt: Berneck ist mein Zuhause. Ich stehe für ein lebenswertes und attraktives Berneck», so die alerte Kandidatin in ihrer gelungenen Kurzpräsentation.
In Softwareentwicklung tätig
Der zweite von der Findungskommission ausgewählte Kandidat Fabian Hutter stammt aus Diepoldsau, ist mit seinen 35 Jahren nur unwesentlich älter als die 31-jährige Shaleen Mastroberardino-Frei und beruflich als «Scrum Master» (=Gruppenleiter) in der Softwareentwicklung bei Leica Geosystems AG in Heerbrugg tätig.
Fabian Hutter sieht sich aufgrund seiner Ausbildung als Maschinen- und Applikationsingenieur und seine berufliche Erfahrung als Projektleiter und Scrum Master für befähigt, das Amt des Gemeindepräsidenten von Berneck auszuüben. Als Parteipräsident der Mitte Diepoldsau-Schmitter sowie früherer National- und Kantonsratspräsident sei er auch politisch gut vernetzt.
Die Kuh, die lacht
Christopher Schulz, der vor seiner Präsentation den beiden Mitkandidaten noch je eine Packung Käse von der Kuh, die lacht (la vache qui rit) überreichte, erzählte von seiner abwechslungsreichen Ausbildung, seiner genauso abwechslungsreichen Tätigkeit in der Finanzbranche in den USA, Brasilien und anderen Ländern. Und davon, dass er seit einigen Jahren nur noch als Kunstinvestor auftrete. Er habe das Kunstmuseum Rheintal gegründet.
Auf seiner Homepage könne man einen 13-seitigen «Actionplan» finden, in dem er alles aufgelistet habe, was er als Gemeindepräsident zu tun gedenke. Sein Thema: «Make Berneck great again».
In der auf die Selbstvorstellung der Kandidatenrunde folgenden Fragerunde kamen viele Bernecker Themen zur Sprache. Einig waren sich die Bewerber darin, dass der Steuerfuss der Gemeinde mittelfristig stabil bleiben soll, auch wenn er derzeit der höchste aller Mittelrheintaler Gemeinden ist.
Ortskenntnis getestet
Moderator Gert Bruderer testete die Ortskenntnis der Kandidaten mit Fragen nach ganz gemeindespezifischen Problemen und Projekten. Was denn aus dem Areal Blattacker werden solle? Während sich Mastroberardino sattelfest zeigte und gemeinsam mit Fabian Hutter der Vergabe der dortigen 35´000 m2 nach der Gestaltung eines Sondernutzungsplans an Familien im Wege eines Baurechts aussprach, stellte sich Christopher Schulz gegen dieses Vorhaben. Man solle diese Liegenschaft lieber als Grundstücksreserve belassen.
Ebenso war Schulz gegen die Realisierung der beiden angedachten Tiefgaragen in den Grossbauvorhaben der Alpha Rheintal Bank und im Hasler-Areal unter Beteiligung der Gemeinde. «Dazu sage ich definitiv Nein. Das sollen Privatinvestoren machen. Aus meiner früheren Tätigkeit weiss ich, dass Private viel besser Tiefgaragen betreiben können.»
Abreissen und neu bauen?
Bei der aktuellen Frage, ob die marode Turnhalle Stäpfli als «kleine Lösung» um etwa 4 Mio. saniert oder gleich abgerissen und neu gebaut werden solle, sprach sich Fabian Hutter für die kleine Lösung aus. «Was aber zuvor sorgfältig geprüft werden muss.»
Ob Denkmalschutzkommission, Windkraftanlage, Hochwasserschutzprojekte, Grüngutgebühren, Öffentlicher Nahverkehr oder Kindertagesstätten, war in den Antworten ein Muster zu kennen. Shaleen Matroberardino antwortete absolut kompetent und sattelfest, Fabian Hutter schloss sich meist ihrer Meinung an, und nur Christopher Schulz nahm ab und zu gegensätzliche Positionen ein.
Beim anschliessenden Apéro, wo natürlich die Eignung der drei Kandidaten heiss diskutiert wurde, zeichnete sich in Gesprächen mit anwesenden Stimmbürgern allgemein bereits eine klare Tendenz ab. Es gibt bei der Wahl am 18. Juni 2023 wohl eine heisse Favoritin und zwei Mitbewerber.