«Schweigt stille, plaudert nicht» – ein Satz, den wohl jeder gestresste Ehegatte ab und zu zu seiner Holden sagen wollte, es aber dem Familienfrieden zuliebe nicht tat. Gleichzeitig ist dieser Spruch der Titel der 1734 nach einem Libretto von Christian Friedrich Henrici alias Picander von Johann Sebastian Bach komponierten Kaffeekantate.
Kaffee, Kantate und ein Schlendrian
Mode-Getränk «Coffee»
Diese Kaffeekantate wurde von Bach mit seinem «Collegia musica» im Leipziger Haus «Zum arabischen Coffee-Baum», das mit dem Mode-Getränk «Coffee» zum beliebten musikalischen und gesellschaftlichen Treffpunkt von Leipzig geworden war, gespielt. Keine Frage also, dass auch die vom Kulturforum Berneck organisierte Aufführung in Kaffeehaus-Atmosphäre stattfinden sollte.
Beda Germann, Präsident des Kulturforums: «Ich liebe Bach und wollte die brillante Kaffeekantate immer schon einmal aufführen. Doch mir war klar, für eine stimmige Aufführung braucht es eine Kaffeehausatmosphäre. Und Kaffeehäuser, die gross genug für diese szenische Minioper sind, gibt es im Rheintal nicht. Da wurde die Idee mit dem Ochsen-Saal geboren. Und mit Unterstützung des Hausherren Peter Kast auch umgesetzt.»
Vornehmes Kaffeehausgewand
Und tatsächlich, der Ochsen-Saal präsentierte sich an diesem Abend im vornehmen Kaffeehausgewand. Die Gäste sassen an sieben grossen Tischen mit je zehn Sitzplätzen. Und wurden nach der Aufführung sogar noch mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Zuvor verwöhnte die vom bekannten Leiter des Oratorienchors Rheintalische Singgemeinschaft Karl Hardegger zusammengestellte Kammermusik die Zuhörer mit barocken Klängen.
Video: Ulrike Huber
Ein Kammermusikprogramm mit Gustostücken von Antonio Vivaldi, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann läutete den musikalischen Vortrag ein. Das Ensemble «La Partita» mit Raikan und Andreas Eisenhut (Violine), Maximilian Eisenhut (Viola), Mathias Roller (Violoncello), Nazar Kocherga (Violone), Angelika Gallez (Traversflöte) und Karl Hardegger (Cembalo), spielte solide und erhöhte damit die Vorfreude der Besucher auf den Höhepunkt des Abendprogramms.
Grosse Lust am Schauspiel
Für die von Beda Germann in Szene gesetzte Aufführung der Kaffee-Kantate konnten die namhaften Sänger Clemens Morgenthaler (Bass), der den Vater Schlendrian mit grosser Lust am Schauspiel und am Singen verkörperte, sowie die bezaubernde und überzeugend die Tochter Liesgen spielende Sopransängerin Anna Gschwend engagiert werden.
Regisseur Beda Germann hatte mit einem szenischen Kniff den Tenor Jonas Christian Bruder, der im Original nur als Rezitator auftritt, als Kaffeehaus-Kellner in die Handlung eingebaut. Eine Handlung, die kurz erzählt ist. Humorvoll-ironisch wird vom lebenserfahrenen und vielgeprüften J.S. Bach ein Generationenkonflikt zwsichen dem liebevoll-gestrengen Vater und seiner Tochter, die dem «Modegetränk Coffee» verfallen ist, skizziert.
Täglichen Kaffeegenuss austreiben
Der Vater versucht mit Drohungen, seiner Tochter Liesgen die Unsitte des täglichen Koffeingenusses auszutreiben. Aber erst, als er ihr die Erlaubnis zur Heirat gibt, lenkt die eigenwillige Liesgen ein. Während der Vater auf der Suche nach einem passenden Schwiegersohn ist, nimmt Liesgen ihr Schicksal selbst in die Hand: Sie will nur einen Mann akzeptieren, der ihr auch in der Ehe jederzeit das Kaffeetrinken gestattet. Und findet ihn in der «Bernecker Fassung» von Regisseur Beda Germann sogleich in Person des Kellners des Kaffeehauses, in dem die Handlung spielt.
Die drei Akteure spielten und sangen grossartig. Aus dem tollen Gesangestrio, wunderbar zurückhaltend vom Ensemble «La Partita» begleitet, stach Anna Gschwend mit ihrem kecken, spitzbübischen (oder müsste es heissen spitzmädchenhaften) Mienenspiel und ihrer absolut brillanten Stimme noch hervor.
Video: Ulrike Huber
Frenetischer Applaus
Das Publikum war jedenfalls begeistert und konnte, was auch bei der Aufführung einer szenischen Mini-Oper eher ungewöhnlich ist, das Ensemble mit frenetischem Applaus zu einer Zugabe bewegen. Unter den begeisterten Zuschauern sah man den nur noch wenige Wochen im Amt befindlichen und dann nach Widnau wechselnden Bernecker Gemeindepräsidenten Bruno Seelos.
Unter den Musikfreunden fand sich auch Oswald Wetli von der Raiffeisenbank Unteres Rheintal, die zusammen mit der Ortsgemeinde Berneck und der Rheintaler Kulturstiftung für die notwendige finanzielle Unterstützung dieser Eigenproduktion des Kulturforums Berneck möglich gemacht hatten. Eine Eigenproduktion, die am heutigen Samstag um 19.30 Uhr an selber Stelle nochmals zur Aufführung gelangt.