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Umwelt und Natur
04.05.2021
04.05.2021 16:59 Uhr

Erde, Luft, Wasser und der Bauernverband

Gastkolumnistin Kantonsrätin Dr. Karin Hasler aus Balgach Bild: zVg
Gastkolumnistin Kantonsrätin Karin Hasler schildert in ihrem neuen Kommentar ihre Ansicht zu den Agrar-Initiativen.

Obwohl Corona immer noch alles dominiert, gibt es zurzeit in den Medien wieder ein Mehr an Themen. Das hat vor allem mit der sich zuspitzenden Weltlage zu tun, für uns wichtig aber vor allem mit den kommenden Abstimmungen im Juni: Trinkwasser- und Pestizidinitiative, CO2-Gesetz, Covid- und Polizeigesetz.

Historische Gelegenheit

Als Politologin sage ich Ihnen, wir stehen vor der historischen Gelegenheit, die stetige Verschlechterung unserer Lebensgrundlagen, Wasser, Erde und Luft zu verringern, in dem wir uns mutig zu einem Ja zu den ersten vier Vorlagen aussprechen. Wir zeigen damit, dass wir erkannt haben, in welchen Schlammassel wir uns selbst verfrachtet haben mit unserem Konsumverhalten, mit der Massenproduktion tierischer Produkte, mit der Überdüngung der Felder, mit der Verschmutzung der Gewässer und mit dem Einsatz von nicht abbaubaren Pflanzenschutzmitteln.

75% Des Insektenvolumens ist weg, die Biodiversität nähert sich dem Kollaps, die Gletscher sind in desolatem Zustand und die Erderwärmung steigt schneller als gedacht. Und all dies ist nicht sichtbar für uns. Es blüht auch mit viel weniger Bienen und es plätschert auch ohne Fische und es ist Grün überall, die Blumen sind weg. Die Illusion ist hartnäckig, es scheint, als wollen wir sie. Dennoch, in weniger als dreissig Jahren werden die Böden nicht mehr fruchtbar sein. Das ist ein Fakt, keine Meinung.

Dr. Karin Hasler: mit einem eigenen Naturgarten die Biodiversität fördern Bild: zVg

Gesundheit und Freiheit noch möglich

Aber mit diesen Abstimmungen können wir zeigen, dass wir leben wollen, gesund sein wollen, unseren Kindern ein Leben bieten möchten, in welchem Gesundheit und Freiheit noch möglich ist. Wir zeigen damit, dass wir einsichtig sind und es nicht um Sündenböcke oder Schuldige geht. Sondern wir zeigen damit, dass wir erkannt haben, dass alles zusammenhängt, insbesondere unsere Ernährungsgrundlage, die Gewässer und unsere Lebensqualität.

Ich gebe zu, es ist manchmal schwierig, die Zusammenhänge zu erkennen. Aber eigentlich muss man das gar nicht immer. Es genügt zu wissen, dass das Leben unserer jetzigen Kinder bereits bedroht ist. Und wir lassen zu, dass es vor unseren Augen passiert. Es ist an der Zeit, dass wir reif werden und unser kindliches Konsumverhalten durch konsequenten Naturschutz ersetzen. Nicht die Wirtschaft ist unsere Lebensgrundlage, sondern Luft, Wasser und Erde.

Abhängig vom Wirtschaftswachstum

Der Bauernverband, die Agrarlobby, wichtige Stimmen aus der Landwirtschaft sowie vor allem die SVP wollen uns weismachen, dass sich Nahrungsmittel verteuern und Knappheit entstehen würde mit zwei «extremen» JA. Doch was sie eigentlich tun, ist nichts. Das gleiche gilt für die Beton-Lobby und die FDP. Sie stehen bocksteif und verweigern sich jeglichem Dialog. Sie fordern und verhindern und verweisen beispielsweise bezüglich Biodiversität auf die AP22, welche sie dann hochkantig in den nationalen Räten verwerfen. Und wir sind wieder bei Null. Oder sie machen uns glaubhaft, dass wir alle vom Wirtschaftswachstum abhängig sind, und es ohne dies nicht gehe.

Das hat weder mit Demokratie noch mit Wohlwollen der Landwirtschaft oder Wirtschaft gegenüber zu tun. Es ist ganz einfach die Macht, die sie befürchten zu verlieren. Sie haben Angst vor positiven Veränderungen, weil ihnen dies die historische Macht entreissen würde. Sie haben Angst vor Statusverlust. Sie haben Angst vor kreativen Ideen und Andersdenkenden. Doch ich habe auch Angst. Angst um Luft, Wasser und Erde, um das Leben meiner Kinder. Ich frage Sie nun, was ist schlimmer?

«Ich habe Angst um Luft, Wasser und Erde» Bild: zVg

Koalition zur Agrarwende

Stattdessen könnte der Bauernverband, Naturschützer und eine Koalition von Parteien der Landwirtschaft zur Agrarwende verhelfen, die wir so dringend benötigen. Die Landwirtschaft ist nämlich nicht der Sündenbock, sie sind unsere Umweltagenten. Sie ernähren uns. Es ist einfach schade, dass sie sich noch nicht als Umweltschützer sehen. Und der Bauernverband tut alles dafür, dass viele Vertreter der Landwirtschaft gar nicht erst daran glauben, dass sie das Zeug dazu haben, zusammen mit Gesellschaft und Konsumierenden unsere Lebensgrundlagen zu schützen.   

Zu oft realisiere ich, dass viele Menschen gar nicht mehr begreifen, was eigentlich unsere Lebensgrundlagen sind, so entfremdet sind wir und denken dabei, es gehe uns gut. Vielen von uns geht es aber nicht gut. Ich kann mir aber lebhaft vorstellen, wie wir alle gemeinsam die Agrarwende herbeiführen und die Biodiversität fördern (z.B. mit einem eigenen Naturgarten, siehe Bild), nicht nur unseren Kindern zuliebe, nämlich auch uns selbst. Ich habe mich mit der Natur versöhnt, indem ich sie respektiere und begreife, dass alles zusammenhängt, und ich deswegen nicht verzichten muss, sondern eine Zukunft habe.

Dr. Karin Hasler ist Politologin, Kantonsrätin und Präsidentin der SP. Die Ansichten unserer Gastkolumnisten müssen sich nicht mit den Ansichten der Redaktion decken. Im Sinne der Meinungsfreiheit bietet rheintal24 Raum zur Darstellung verschiedener Standpunkte.

Kantonsrätin Dr. Karin Hasler, Politologin, Präsidentin SP Rheintal