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Altstätten
29.10.2020

Altstätten bekommt textiles Fadennetz

(Bild: PD)
Der Altstätter Stadtrat hat sich dafür ausgesprochen, die Vision von einem analogen Fadennetz der Ostschweizer Konzeptkünstler zu verwirklichen. Dieses Netz ist als sinnvolle Ergänzung zum Glasfasernetz gedacht. Das Rathaus ist ab sofort eine Fadensammelstelle.

Die exklusive «partizipative Vernetzungsskulptur» wird in Komplizenschaft mit dem Altstätter Kulturverein Staablueme umgesetzt und besteht aus gesammelten Schnurfäden, die alle Haushalte durch Gärten, über Strassen und Felder wortwörtlich analog miteinander verbinden.

Ab Montag klingeln Riklins an Haustüren
Schon am Montag startet die Fadenjagd in Altstätten; die Riklins streifen durch die Quartiere, klingeln an Haustüren und sammeln Packschnüre. Für Donnerstag, 12. November, ist eine Infoveranstaltung geplant.

Folgt der Digitalisierung die Analogisierung? Mit dieser Frage beschäftigen sich die beiden Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom St.Galler Atelier für Sonderaufgaben schon länger. Ihre Konzeption «Analoges Fadennetz» thematisiert diese Auseinandersetzung mit der Zukunft.

Laut Zukunftsforschern muss sich die Menschheit revolutionieren, wenn sie sich durch den unaufhaltsamen Digitalisierungsexzess nicht selbst abschaffen möchte. «Je digitaler die Welt, desto grösser die Gefahr der Zombisierung, desto mehr sollten wir gleichberechtigt in das Analoge investieren», so die Riklin-Brüder. Die Analogisierung sei nicht die Ablösung des Digitalen, sondern eine Ergänzung und Rückbesinnung zum Handfesten, zum Konkreten, zum Realen.

Umsetzung in Altstätten erfolgt exklusiv
Mit ihrem Konzept der «Verfädelisierung» setzen die Konzeptkünstler bewusst auf eine analoge Strategie – und haben nun mit der Stadt Altstätten einen Komplizen gefunden. Ursprünglich hatten Riklins ihr analoges Fadennetz im Limmattal verwirklichen wollen, was aber nicht klappte. Daraufhin erliess das Künstlerpaar einen öffentlichen Aufruf, worauf fünf Gemeinden ihr Interesse an einer Umsetzung bekundeten. Umgesetzt werden soll das analoge Fadennetz jetzt exklusiv in Altstätten.

«Neben den Investitionen in die Infrastrukturen werden die Kommunen künftig verstärkt in die Gesellschaft investieren müssen», sagt Ruedi Mattle, Stadtpräsident von Altstätten. Gerade in Zeiten grosser Veränderungen, in der viele Menschen nach Identität streben und nach Zusammenhalt innerhalb einer sich immer extremer entwickelnden digitalisierten Gemeinschaft suchen würden, sei ein solcher «vermeintlicher Blödsinn» eine durchaus sinnvolle Investition. Die Pilotphase des Projektes finanzieren die Stadt Altstätten und der Kulturverein Staablueme gemeinsam. Über den nachfolgenden Roll-out des Fadennetzes über das gesamte Stadtgebiet vom Hohen Kasten bis nach Oberlüchingen wird die Bürgerschaft im kommenden Jahr entscheiden.

Das Fadennetz verbindet Haushalte
Das analoge «Schnurfaden-Netzwerk» (Analogical Thread Network ATN) vernetzt Menschen mittels eines textilen Fadens, der ohne Unterbruch durch alle Haushalte von Altstätten «verlegt» wird und diese wortwörtlich analog miteinander verbindet. Der Faden ist eine Ressource aus Fadenresten aus privaten Haushalten und wird gemeinsam mit den Bewohnern gesammelt, zusammengeknöpft und kollektiv verlegt. Der Faden zieht sich zum Beispiel unter dem Teppich eines Wohnbereichs auf den Balkon hinaus, hinunter ins Blumenbeet, durch eine Hecke und mittels Asphaltschlitz über die Strasse in den nächsten Haushalt.

Für die Verlegung des Fadens werden Einzelpersonen, Schulklassen und Vereine instruiert. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Altstätter Kulturverein Staablueme: «Die Staablueme feiert ihr 40jähriges Bestehen und dies ist sozusagen unser Geburtstagsgeschenk der besonderen Art,» sagt Eva Graf, Präsident des Vereins Staablueme. «Das analoge Fadennetz entspricht einem Grundgedanken unserer Kulturwoche: nämlich Begegnungen und Verbindungen zwischen den Menschen zu fördern.»

Eine Stadt mit dem nötigen Mut
«Mit Altstätten haben wir eine Stadt gefunden, die den Sinn und die Notwendigkeit der ‘Verfädelisierung’ sieht und den Mut hat, den avantgardistischen Weg in Komplizenschaft mit der Kunst zu gehen», sagen die Riklins. Wer das analoge Fadennetz umsetze, schaffe eine neue Realität. «Analoge Handlungen können im 21. Jahrhundert ein Alleinstellungsmerkmal bedeuten.»

Dass die ursprünglich im Limmattal angedachte Kunstaktion im letzten Jahr nicht umgesetzt worden sei, liege in der Natur der Konzeption, sagen die Künstler. «Die Idee der ‘Verfädelisierung’ polarisiert, spaltet die Gemüter und stellt die Sinnfrage einer möglichen Utopie ins Zentrum.» (vgl. Video Testverlegung) So habe das Beteiligungsprojekt für eine kantonsübergreifende Konzeption im Limmattal durch Politiker und Behörden keine Mehrheit gefunden. Auch in Altstätten wird dieses Projekt bestimmt kontrovers diskutiert werden», sagt Ruedi Mattle, Stadtpräsident von Altstätten. Doch dies gehöre zu einem aktiven Zusammenleben. «Eine lebenswerte Stadt lebt von der Auseinandersetzung miteinander in der realen, der analogen Welt.»

Startschuss zur Fadenjagd aus Distanz
Kommenden Montag, 2. November 2020, um 10 Uhr startet die erste fünftägige „Fadenjagd“ in Altstätten. Ausgangspunkt ist das Dorf Lüchingen. Die Riklin-Brüder werden in den Quartieren unterwegs sein und an Türen und Fenster klopfen – wo nötig mit einem 3-Meter-Distanz-Stab (analoger Erntepflücker-Stab), wie die Künstler versichern. Die Fadenjagd sei coronakonform aus entsprechender Distanz geplant. Frank und Patrik Riklin freuen sich auf die Fadenpflückerei mit den Menschen der politischen Gemeinde Altstätten und ermuntern alle: «Halten Sie Ihre Packschnüre bereit. Je mehr Laufmeter Packschnurfäden Sie in Ihrem Haushalt finden, desto besser.» Insgesamt müssen mehrere 10000 Meter Faden gesammelt und dann auf Dutzende Holzrundstäbe gewickelt werden.

Fadensammelstelle im Rathaus Altstätten
Damit das analoge Fadennetz gelingt, braucht es viel Faden. Gesucht sind Fadenresten jeglicher Art. Alles was fadenähnlich ist, findet Verwendung. Die Mindestlänge des Fadens sollte im Idealfall etwa 50 Meter betragen. Eine öffentliche Fadensammelstelle befindet sich ab sofort während den regulären Öffnungszeiten im Eingangsbereich des Rathauses von Altstätten.

Öffentliche Infoveranstaltung
Am Donnerstag, 12. November 2020, 19.30 Uhr, findet im Sonnensaal eine öffentliche Infoveranstaltung für die Bevölkerung statt. Stadtpräsident Ruedi Mattle, die Riklin-Brüder und der Kulturverein Staablueme führen in das künstlerisch-partizipative Langzeitprojekt ein und erläutern anhand eines kurzen Films die Projektphasen des Sammelns, Verlegens und Erschliessens.

Aufgrund der aktuellen Situation ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Eine Anmeldung mit Name und Vorname, Wohnadresse, Telefonnummer sowie E-Mail-Adresse ist daher erforderlich (Tel. 071 757 77 11 / info@altstaetten.ch). Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge ihres Eingangs berücksichtigt. Es wird der Situation entsprechend ein Schutzkonzept angewendet. Für den Besuch des Anlasses gilt eine generelle Maskenpflicht. Die Infoveranstaltung wird zusätzlich mit Live-Stream auf Youtube übertragen. Der entsprechende Link wird auf der Website der Stadt Altstätten und dem analogen Fadennetz am 12. November 2020 aufgeschaltet.

Zu den Künstlern
Die St.Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin gehen in ihrem Atelier für Sonderaufgaben seit 20 Jahren der Frage nach, inwieweit sich das Potential der Kunst erweitert, wenn sie den repräsentativen Rahmen verlässt und direkt in sozialgesellschaftliche Realitäten eingreift. Wo liegt die Schnittstelle zwischen Kunst und Alltag, Wirtschaft und Gesellschaft? Wie verändert sich die Rolle des Künstlers, wenn Kunst dort platziert wird, wo man sie am wenigsten erwartet? Frank und Patrik Riklin rütteln an verschiedenen Systemen des Alltags und erschaffen neue Wirklichkeiten. Mit den Werken «Null Stern Hotel / Zero Real Estate» (2008/2016), «BIGNIK» (2012-2043) und «Fliegen retten in Deppendorf» (2012) erreichten sie in den vergangenen Jahren internationale Bekanntheit als Konzept- und Aktionskünstler.

  • Die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin verhelfen der Stadt zu einem textilen Fadennetz. (Bild: PD)
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mg/pd