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26.10.2020

Den Nachlass digital planen

In Zeiten von Corona machen sich viele vermehrt Gedanken über ihre Gesundheit, den Tod und darüber, wie ihr Nachlass geregelt werden soll. Das zeigen die Suchanfragen zu diesen Themen, die seit Anfang März auf Google gemacht wurden. Ein St.Galler Unternehmen will Menschen dabei helfen, ihren Nachlass digital zu planen.

Die Statistiken der Google-Suchanfragen sprechen eine klare Sprache: Nach Begriffen wie Patientenverfügung, Nachlassplanung oder Nachlass haben Herr und Frau Schweizer seit dem 1. März 2020 auf Google wesentlich häufiger gesucht als noch in den Jahren zuvor. Bis Ende August war «Patientenverfügung», gemessen an der Gesamtzahl der Suchanfragen, in der Schweiz sogar der am häufigsten gesuchte Begriff. In Zeiten von Corona machen sich die Menschen also auch hierzulande vermehrt Gedanken darüber, was zu tun ist, sollten sie beispielsweise wegen eines Unfalls oder einer Krankheit im Koma liegen – oder was im Todesfall mit ihren Organen geschehen soll.

Um wenigstens die Planung dieses unerfreulichen Themas zu vereinfachen, hat LegacyNotes in den letzten Jahren eine Applikation entwickelt, mit der man seinen Nachlass digital regeln kann. Gemeinsam mit dem Institut für Innovation, Design und Engineering der FHS haben sie anschliessend eine Lösung gesucht, die Einstiegshürden für die digitale Nachlassplanung zu senken. Das Resultat dieser Kooperation ist der sogenannte Vorsorge-Simulator: Dieser hilft, anhand von sieben unterschiedlichen Szenarien zu entscheiden, welche Vorbereitungen man für den Ernstfall treffen möchte. Bei jedem definiert man, wie man die Situation regeln will. Zur Auswahl stehen jeweils zwei Optionen, wobei immer auch deren Folgen aufgezeigt werden.

stgallen24 hat bei Christian Woelk und Thomas Jaggi, beide Co-Founder von LegacyNotes nachgefragt, wie dieser Simulator genau funktioniert und wie es um die Datensicherheit bestellt ist.

Christian Woelk, wie ist Ihr Vorsorge-Simulator aufgebaut?

Ziel des Simulators ist das Erstellen einer persönlichen To-do-Liste. Jeder Benutzer hat eine eigene Ausgangslage, was die Nachlass­planung angeht. Wir wollen ermöglichen, die wichtigsten Entscheidungen auf einfache Art und Weise zu fällen: Möchte ich einen Vorsorgeauftrag erstellen oder soll sich bei Unzurechnungsfähigkeit die KESB darum kümmern, Vertretungspersonen einzusetzen? Will ich mittels Patientenverfügung spezifische medizinische Behandlungswünsche festhalten oder überlasse ich die Entscheidungen den gesetzlich festgelegten Ansprechpersonen? Habe ich Wünsche für die Bestattung? Diese zum Teil eher abstrakten Fragen wurden jeweils an einem konkreten Szenario aufgehängt.

Zum Beispiel?

Ich sterbe und mein Nachlass wird verteilt. Wie stelle ich sicher, dass meine Angehörigen oder Dritte so begünstigt werden, wie ich es gerne möchte? Aus sieben Fragen generieren wir eine To-do-Liste, die man als PDF ausdrucken oder mithilfe eines LegacyNotes-­Kontos digital abarbeiten kann. Jede Entscheidung wird jeweils unmittelbar bezüglich dreier Kriterien eingeordnet: Reduziere ich damit die Belastung meiner Angehörigen? Erhöhe ich meine Selbstbestimmung? Ermögliche ich damit eine wunschgemässe Verteilung meines Nachlasses?

Mit dem Vorsorge-Simulator können also diverse Szenarien und deren Konsequenzen durchgespielt werden. Wie sind Sie in der Entwicklung vorgegangen, um die grosse Menge an Szenarien zu verknüpfen?

In einem ersten Schritt wurden die verschiedenen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Nachlassplanung priorisiert. Anschliessend wurden verschiedene Szenarien durchgespielt, mithilfe eines klickbaren Prototypen an Endbenutzern getestet und dann in mehreren Runden optimiert. Ein wichtiges Kriterium war, dass eine Fragestellung einfach zu beantworten ist. So mussten wir beispielsweise in Bezug auf die eher komplexe Nachlassverteilung eine Vereinfachung finden, die trotzdem die wichtigsten Fälle abdeckt.

Thomas Jaggi, wo lagen die technischen Herausforderungen bei der Simulation der Szenarien?

Ein Simulator ist wertlos, wenn er falsche Angaben macht. Dennoch soll er möglichst einfach sein, und nur Dinge abfragen, welche die User bereitwillig geben – weil sie ihnen als relevant erscheinen. Das führt dazu, dass besondere Konstellationen oder komplizierte Sachverhalte nicht hundertprozentig abbildbar sind. Dennoch muss der Simulator auch Personen mit solchen Bedürfnissen eine korrekte Antwort und/oder Einschätzung liefern. Die Gratwanderung bestand somit darin, die verschiedenen Frage-Antwort-Situationen im Sinne eines korrekten Resultates miteinander zu verknüpfen. Wie im gesamten LegacyNotes Projekt konnten wir auch hier davon profitieren, dass in unserem Team die Bereiche Recht, Design und Programmierung vollständig abgedeckt sind – und diesmal noch um die Expertise des IDEE FHS ergänzt wurden.

Um die verschiedenen Szenarien durch­spielen zu können, müssen viele persönliche Angaben gemacht werden. Wie wird sichergestellt, dass die Daten geschützt sind?

In der Phase des Simulators sind die Eingaben zwar persönlich, geben jedoch noch keinerlei Rückschluss auf die Person. Das heisst, wir wissen nicht, wer den Simulator gerade verwendet – und wir sichern die Angaben und das Resultat unserer User nicht bei uns. Die Angaben werden zunächst nur im Browser des jeweiligen Benutzers gesichert, verlassen somit den Rechner unserer Anwender nicht. Erst in dem Moment, wo ein Benutzer sich für LegacyNotes registriert, werden seine Resultate in seinen LegacyNotes-Account überführt. Dieser geniesst einen besonderen Schutz. Zudem findet innerhalb der Applikation keinerlei Tracking statt. Es läuft weder ein Google-Analytics-Tracking oder ein Tracking von uns. Nur unsere User entscheiden, wer wann welche ihrer Daten sehen darf. LegacyNotes gehört als Anbieter dieser Plattform nicht dazu.

Woher beziehen Sie die Daten, die Sie benötigen, um den Usern die nötigen Informationen zur Verfügung zu stellen?

Wir haben Zugriff auf die Verzeichnisse der Zivilstandesämter und der Heimatorte. Das sind Streams des Bundes, die wir nutzen dürfen. Wir werden auch informiert, wenn diese Daten aktualisiert worden sind. So können wir uns aus verlässlichen Quellen eine eigene Datenbank erstellen, um für einen Nutzer beispielsweise herausfinden zu können, welches Zivilstandesamt zuständig ist, wenn seine Partnerin gestorben ist.

Christian Woelk, wie sieht es mit der Usability für ältere Menschen aus, die im Arbeiten mit Online-Tools eventuell nicht so versiert sind?

Dies ist grundsätzlich eine Herausforderung bei sämtlichen digitalen Themen. Alle Benutzer wird man nie erreichen, aber gerade in der Nachlassplanung schliesst man natürlich viele Altersstufen in seine Zielgruppe ein. Also haben wir versucht, möglichst jeden Schritt zu vereinfachen oder logisch erscheinen zu lassen. Zudem hat insbesondere Thomas Jaggi darauf geachtet, dass UI-Prinzipien, die eine grobe Verletzung der Accessibility zur Folge hätten, vermieden werden. Und dies nicht nur grafisch, sondern auch in Bezug auf die Programmierung. Natürlich können auch wir nicht alle Bedürfnisse abdecken. Aber die User-Feedbacks zeigen uns, dass unsere Applikation keine essenziellen Unverständlichkeiten aufweist – und selbst ältere Nutzer in der Lage sind, ihre Informationen zu hinterlegen.

Beim Vorsorge-Simulator ist die Nachfrage also gross und wächst. Welche Möglich­keiten sehen Sie noch für die digitale Verwaltung von persönlichen Daten und Dokumenten?

Spannend wären für uns beispielsweise digitale Beurkundungen. Aber bis hierfür die rechtlichen Grundlagen geschaffen und umgesetzt wurden, kann es noch Jahre – im schlimmsten Fall Jahrzehnte – dauern. Man darf allerdings nicht vergessen, dass das schon rein aus politischer Sicht ein komplexer Prozess ist.

Thomas Jaggi und Christian Woelk haben eine Applikation entwickelt, mit der man seinen Nachlass digital regeln kann. (Bild: Marlies Thurnheer)
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