Meine kleinere Tochter hat gerade ein akutes Problem. Laut Auflagen ihrer Lehrerin sind gewisse Fasnachtsverkleidungen untersagt. Nicht erwünscht sind konkret «Horrorkostüme». Allerdings baut ihre Klasse parallel dazu und in ganz offiziellem Auftrag der Schule für die Fasnacht eine Geisterbahn. Soll sie dort drin nun vielleicht als Sonnenblume oder als freundlicher Clown für einen leichten Schauer sorgen?
Die Liste der Kostüme, die an vielen Orten in der Schweiz nicht mehr erwünscht sind, ist ganz allgemein lang. Indianer? Das ist kulturelle Aneignung. Cowboy? Das sind die Bösen, welche die Indianer vertrieben haben. Sich das Gesicht schwärzen? Um Gottes Willen, da kann man ja genau so gut gleich ein Schiff kapern und einen afrikanischen Staat kolonialisieren.
Eine Verkleidung als Chinese vielleicht, die auch an einen Chinesen erinnert? Das hiesse, dass man Klischees bewirtschaftet, was nicht geht, selbst wenn sie stimmen. Ein Mädchen als Prinzessin und ein Junge als edler Ritter? Was für überholte Rollenbilder! Was aber problemlos geht und sogar erwünscht ist: umgekehrt. Die meisten Mädchen wollen zwar kein Ritterkostüm und die wenigsten Knaben wollen ein pinkes Röckchen tragen, aber bitte: Das ist ein kleines Opfer für die Rettung der Welt.
Spielzeugwaffen sind vielerorts auch untersagt. Denn die Polizei, dein Freund und Helfer, könnte ja einen Zweitklässler mit einer Käpseli-Pistole für einen Bankräuber oder einen Amokläufer halten und ein Spezialkommando entsenden.
Soweit der aktuelle Stand, wobei man ganz beruhigt davon ausgehen darf, dass in den nächsten Jahren noch einige Tabus dazu kommen.
Die Idee der Fasnacht nicht ganz verstanden
Man könnte nun natürlich argumentieren, dass es die Idee einer (Kinder-)Fasnacht ist, sich zu verkleiden und damit explizit zu etwas zu werden, was man nicht ist – was den Vorwurf der kulturellen Aneignung etwas seltsam wirken lässt. Fasnacht IST per Definition eine kulturelle Aneignung, sonst kann man sie sich auch sparen.
Man könnte auch sagen, dass es der Sinn eines Chinesenkostüms ist, danach wirklich auszusehen wie ein Chinese, und dann führt kein Weg daran vorbei, auch Klischees zu bedienen, damit es der Betrachter merkt. Aber das alles sind inhaltliche Argumente, und die nützen recht wenig, wenn man einem Heer von Berufsempörten gegenübersteht, welche die Welt verbessern wollen.
Bei uns Erwachsenen stellen sich an der Fasnacht ganz andere Probleme. Ist es in Zeiten von MeToo noch angebracht, ein dekoriertes Lokal zu besuchen, in dem das vornehmlich weibliche Personal etwas weniger bekleidet ist als den Rest des Jahres? Gottlob beantwortet sich diese Frage heute fast von selbst, denn es gibt immer weniger dieser Etablissements. Man muss die Frauen vor dieser Form der passiv-sexuellen Ausbeutung schliesslich retten! Wobei die davon betroffenen Damen es meist etwas anders sehen, weil die Fasnacht ihr Rekordumsatzmonat war und sie das Geld gut brauchen konnten. Was die Frage aufwirft: Wer rettet die Geretteten vor ihren Rettern?
Weg mit den Guggen, weg mit dem Alkohol
Man fragt sich, warum die Verbotssekte noch nicht auf weitere Ideen gekommen sind. Guggenmusiken beispielsweise: Die verletzen doch sicherlich irgendwelche Dezibelgrenzen. Alkoholausschank an Fasnachtspartys: Das ist doch der direkte Weg in den Alkoholismus. Fasnachtsumzüge mit dekorierten Wagen: Da könnte doch jemand runterfallen!
Es gibt also noch viel zu tun. Die Fasnacht ist noch nicht sauber genug. Im Idealfall verkleiden wir uns nicht, verlassen das Haus nicht und begehen diese Tage mit einer Partie «Eile mit Weile» im trauten Kreis der Familie. Dann haben wir alles politisch korrekt erledigt.
Das Ziel muss sein: Spätestens ab 2030 ist die «fünfte Jahreszeit» einfach ein Kalendereintrag, bei dem man sich dunkel erinnert, dass damals doch irgendwas anders war. Erst dann haben wir es wirklich geschafft.