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Freizeit
04.08.2022

«Man muss sich bewusst sein, was ein Bergwanderweg ist»

Zwischen Weesen und Altenalp stürzte eine Mutter mit ihrem Kind ab.
Zwischen Weesen und Altenalp stürzte eine Mutter mit ihrem Kind ab. Bild: Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden
Erneut kam es im Alpstein zu einem tödlichen Unfall. Dies, nachdem erst Mitte Juli zwischen dem Aescher und dem Seealpsee innerhalb einer Stunde zwei Menschen ums Leben kamen. Weshalb häufen sich derzeit die tödlichen Unfälle im Alpstein? Wir haben den St.Galler Outdoor-Blogger Patrick Stämpfli dazu befragt.

Patrick, du kennst den Alpstein sehr gut und bist regelmässig dort unterwegs. Was ist dir durch den Kopf gegangen, als du vom diesem weiteren tödlichen Unfall erfahren hast?
Nicht schon wieder, habe ich gedacht. Es ist schrecklich, was der Mutter und ihrem 5-jährigen Kind passiert ist. Und es ist auch ein eher ungewöhnlicher Vorfall.

Wieso ungewöhnlich?
Meistens stürzen auf solchen Wanderwegen einzelne Personen ab. Dass zwei Menschen gleichzeitig abstürzen, ist eher selten.

Passiert ist das Unglück am Nationalfeiertag auf dem Weg zwischen dem Aescher und der Altenalp. Ist diese Strecke etwas für ein 5-jähriges Kind?
Ich persönlich würde sie nicht mit einem kleinen Kind machen.

Das Gebiet rund um den Aescher und oberhalb des Seealpsees scheint besonders gefährlich zu sein. Teilst du diese Ansicht?
Es ist vor allem sehr steil, wie fast überall im Alpstein. Dazu kommt, dass die Wege dort oft von unerfahrenen und/oder schlecht ausgerüsteten Touristen begangen werden, die zuvor mit der Bahn auf die Ebenalp gefahren sind – gerade jetzt in der Ferienzeit. Viele von ihnen scheinen nicht zu realisieren, dass sie dort auf Bergwanderwegen unterwegs sind, also Wegen mit weiss-rot-weisser Markierung.

Der Weg vom Aescher zum Seealpsee ist allerdings nur gelb markiert, also so, wie ein ganz normaler Wanderweg, den man mit Turnschuhen machen könnte.
Das stimmt und ist wirklich irritierend und sollte angepasst werden. Aber es ist dort auch ein grosses Schild zu sehen, auf dem auf die Gefahren dieses Bergwanderwegs hingewiesen wird.

Erfahrener Bergwanderer: Patrick Stämpfli. Bild: bergwelt.me

Welche Voraussetzungen sollte man erfüllen, um Bergwanderwege im Alpstein «sicher» begehen zu können?
Es braucht Trittsicherheit und eine angemessene Ausrüstung. Und man muss sich bewusst sein, was «Bergwanderweg» bedeutet. Dort gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Auch auf einer vermeintlich leichten Route kann man von herabfallenden Steinen getroffen werden oder man stolpert, verliert den Halt und stürzt ab. Das betrifft sowohl Laien als auch erfahrene Personen. Wer gänzlich unvorbereitet und schlecht ausgerüstet auf Bergwanderwegen unterwegs ist, spielt mit seinem Leben – und mit dem der Rettungskräfte. Die Opfer des jüngsten Unglücks waren aber gemäss Polizei gut ausgerüstet.

Wie schwierig bzw. gefährlich sind denn die Wege im Alpstein grundsätzlich?
Die meisten Wege sind Bergwanderwege der Kategorien T2 und T3. Sie können zum Teil steil sein und bereits ab T3 sind die Wege nicht immer durchgehend sichtbar. Und: Es gibt exponierte Stellen mit Absturzgefahr. Die meisten Wege im Alpstein sind aber gut zu sehen, heikle Stellen mit Drahtseilen gesichert und von daher in der Regel in der Kategorie T2. Das Gebiet, wo sich der Unfall am 1. August ereignet hat ist aber, wie bereits erwähnt, sehr steil und meiner Ansicht nach eine T3. Wer dort stolpert und stürzt hat meist keine Chance mehr.

Gibt es im Alpstein auch Wege die anspruchsvoller sind als T2 und T3?
Es gibt ein paar wenige Alpinrouten, beispielsweise die Überquerung der Marwees oder der Hundstein, da sprechen wir von den Kategorien T4 bis T5. Diese Wege sind weiss-blau-weiss markiert und sollten wirklich nur von Leuten mit Bergerfahrung begangen werden. Nicht zuletzt, weil man dort stellenweise auch die Hände braucht, um vorwärtszukommen. Dennoch sehe ich auch dort immer wieder Menschen, die offensichtlich nicht geeignet sind, solche Routen zu machen.

Wie macht sich das bemerkbar?
Sie sind entweder körperlich überfordert oder, der Klassiker, mit Turnschuhen unterwegs. Im schlechtesten Fall ist es eine Mischung aus beidem. Welche Schuhe sich für eine Bergwanderung eignen, kann man übrigens aktuell in meinem Blog nachlesen.

Bereits nach den tödlichen Unfällen Mitte Juli wurde gefordert, dass die Wege rund um den Aescher und Richtung Seealpsee besser gesichert werden. Was hältst du davon?
Es gibt auf dem Weg zwischen Aescher und Seealpsee in der Tat einige Stolper-Stellen, die man ausbessern könnte. Heikle Stellen sind aber mit Drahtseilen gesichert, an denen man sich festhalten kann. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Bergwanderwege im Alpstein die gesetzlichen Vorgaben über die Sicherheit von Wanderwegen erfüllen.

Dennoch kommt es aktuell vermehrt zu tödlichen Unfällen.
Ja, aber man darf nicht vergessen, dass in der Ferienzeit immer mehr Menschen im Alpstein unterwegs sind. Und je mehr Menschen es sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert.

Im Blog bergwelt.me teilt Patrick Stämpfli sein grosses Bergwissen seit über zehn Jahren. Im Unterschied zu vielen anderen Outdoor-Bloggern stehen bei bergwelt.me keine kommerziellen Interessen im Vordergrund: «Mein Ziel ist es einerseits, mein Bergwissen zu teilen, die Menschen zu inspirieren und ihnen Vorschläge für schöne Bergwanderungen aufzuzeigen. Andererseits möchte ich ihnen aber auch näherbringen, wie man sich in den Bergen verhält und wie man ausgerüstet sein sollte. Beispielsweise, dass Crocks oder Flip-Flops auf einer weiss-rot-weiss markierten Bergwanderung keine gute Idee sind», so Stämpfli, der seit mehr als drei Jahrzehnten in den Schweizer Bergen unterwegs ist.

 

rheintal24/stgallen24/stz