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Gesundheit
14.05.2022
12.05.2022 17:21 Uhr

Nervig, aber nicht wirklich schlimm?

Immer wieder Kopfschmerzen, auch wenn das Wetter nicht wechselt
Immer wieder Kopfschmerzen, auch wenn das Wetter nicht wechselt Bild: lifeline.de
Seit seiner Coronaerkrankung leidet unser Kolumnist Chefredaktor Dr. Gerhard Huber unter Langzeitfolgen. Zwar weit weniger schwerwiegend wie bei echten Long-Covid-Betroffenen, trotzdem nerven sie ohne Ende.

Ende Februar habe ich mich trotz absolvierter Booster-Imfpung noch mit Corona infiziert. Hatte also eigentlich nach Meinung vieler Fachleute den idealen Zeitpunkt für eine solche Ansteckung erwischt. Ausgesucht hatte ich mir es nicht. Aber bei der Berichterstattung über die damals bereits ohne Masken und Abstandsnachsichten durchgeführten Maskenbälle (Vorsicht: Wortspiel) konnte ich einer unliebsamen Begegnung mit dem Virus wohl kaum entgehen.

Schlappheit und Verschleimung

Was folgte war ein recht milder Verlauf. Zwei Tage hohes Fieber, Gliederschmerzen, Schlappheit und Verschleimung der Atemwege. Und leichte Verwirrung. Immer wieder stand ich in irgendeinem Zimmer unserer Wohnung oder Redaktionsräumlichkeiten und wusste nicht mehr, wieso ich ausgerechnet dieses Zimmer aufgesucht hatte.

Nach einigen Tagen dachte ich, es wäre vorbei. Dass ich damit endgültig mit Covid abgeschlossen hätte. Aber mitnichten. Und ich bin nicht alleine, wie mir eine jüngst im Portal Spiegel.de erschienene famose Kolumne des nicht minder famos schreibenden Sascha Lobo klargemacht hat. Darin schildert er genau dieselben Beschwerden, die ich seit meiner zu früh überwunden geglaubten Erkrankung immer noch habe, und tauft dieses Krankheitsbild treffend auf «Mini-Long-Covid».

Späte Wintergrippe?

Es begann nicht plötzlich, sondern fühlte sich eher an, also sei es von der eigentlichen Erkrankung übriggeblieben. Wie auch Sascha Lobo schreibt: «Am Anfang wirkt es ignorierbar, die Krankheit scheint einfach recht langsam abzuklingen. Als sich nicht mehr leugnen lässt, dass irgendwas nicht ganz richtig läuft, suche ich irgendwelche anderen Erklärungen. Und finde natürlich höchst erfolgreich welche. Also, diese Nacht habe ich wirklich schlecht geschlafen. Vielleicht geht schon wieder eine sehr späte Wintergrippe herum. Dazu Pollenalarm. Ausserdem sind im dritten Coronamärz doch auch alle irgendwie noch ein wenig erschöpft.»

Bleierne Müdigkeit oder dauernde Erschöpfung Bild: menshealth.de

Auch bei mir war das erste beobachtete Symptom überproportional häufiges Niesen. Und, was für einen Journalisten am ärgerlichsten ist, manchmal gravierende Wortfindungsstörungen. Wie auch die Tatsache, dass mir Namen entgleiten. Dass ich die gesuchten Personen zwar vor meinem geistigen Auge sehe, dass mir kreuzteufelnocheins aber um keinen Preis der zugehörige Namen, oft sogar von alten Freunden, einfallen will.

Durch Gespräche stümpern

Manchmal verschlucke ich Silben. Denke sie nur, aber die Weiterleitung von Grosshirn an Kleinhirn zum Sprachzentrum und dann zu Stimmbändern und Zunge will dann nicht recht gelingen. Ich stümpere mich durch Gespräche und habe das Gefühl, als würde ich mir unter den Händen verblöden.

Und wie auch Sascha Lobo schreibt: «Dazu kommen ab und an kurze, nicht besonders heftige Kopfschmerzanfälle, die vorüberziehen wie unentschlossene Gewitterwolken. Meine Nase ist praktisch nie ganz frei und juckt oft, aber manchmal füllt sie sich nachts überraschend mit schlammrutschhaften Mengen Schleims. Meine Konzentrationsfähigkeit ist meistens ganz okay, aber manchmal muss ich eine nervöse Verwirrtheit erdulden, zehn, zwanzig Minuten lang, in denen es keinen Sinn hat, etwas schreiben oder strukturiert nachdenken zu wollen. Auch eine gewisse Kurzatmigkeit macht sich bemerkbar, wenn ich etwas schneller eine Treppe hochhuschen will.» Dazu kommt bei der besten aller Ehefrauen, die auch an Mini-Long-Covid leidet, und bei mir noch ein dauernder Erschöpfungszustand.

Männerschnupfen und Wetterwechsel

Alles Symptome, die man dem Alterungsprozess, einer – zum Glück nicht vorhandenen – Pollenallergie, Männerschnupfen oder dem Wetterwechsel zuschreiben will. Doch tatsächlich scheinen es Spätfolgen von Covid-19 zu sein. So sieht es auch Mark Böttcher, der Geschäftsführer einer Berliner Coronapraxis: «Als Mini-Long-Covid würde ich ein Auftreten von einem oder mehrerer Symptome der Sars-CoV-2-Infektion bezeichnen, die prolongierte Verläufe zeigen. Oft sind die gesundheitlichen Einschränkungen nur leicht und finden daher wenig Beachtung. Allerdings werden sie individuell durchaus als verunsichernd wahrgenommen und können so die Lebensqualität vermindern.»

Überproportional häufiges Niesen Bild: stern.de

Solange sogar heftiges Long Covid von manchen Ärzten als psychosomatisch bedingte Krankheit empfunden und bezeichnet wird, solange wird das «Mini-Long-Covid» wohl auch von Pharmafirmen und Wissenschaft eher ignoriert werden. Ist ja auch kein schlimmes Problem und wird mit Sicherheit nach und nach wieder besser werden. Denn es gibt ja mittlerweile auch bei mir Veränderungen, die auf eine Besserung hindeuten.

Wortfindungsstörungen schwanken

Doch dazu lasse ich wieder meinen «Leidenskollegen» Sascha Lobo zu Wort kommen: «Fast zehn Wochen nach dem letzten positiven Coronatest, spüre ich immer noch die Mini-Long-Covid-Folgen, allerdings gibt es Veränderungen. Die Wortfindungsstörungen zum Beispiel schwanken in der Intensität und hängen inzwischen stärker vom allgemeinen Fitnesszustand ab. Ich kann nicht genau sagen, ob mein Gehirn sich daran einfach gewöhnt und deshalb Workarounds erarbeitet hat. Die nächtlichen Schleimanfälle sind seltener geworden, dafür gibt es mehr Tage, an denen ich sehr oft niesen muss. Die Kopfschmerzen haben entweder abgenommen, oder ich werfe inzwischen automatisch so gnadenlos und so schnell Ibuprofen ein, dass es mir weniger vorkommt.»

Definitiv ist dies alles Jammern auf niedrigstem Niveau. Angesichts der Alpträume, die derzeit diese Welt heimsuchen, kein wirkliches Problem. Dennoch wäre ich sehr dankbar und froh, wenn sich die grosse Pharma des Problems annehmen würde und verstärkt Anti-Long-Covid Arzneien entwickeln würde. Damit mir wieder das äh, dieses Dings, verflixt wie heisst es doch gleich, einfällt. Und ich beim Anstossen beim nächsten Apéro den Peter nicht wieder mit Alex anrede… Prost Mahlzeit!

Dr. Gerhard Huber, Chefredaktor rheintal24.ch

rheintal24/gmh/uh