Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Magazin
23.11.2021
23.11.2021 12:35 Uhr

Freispruch: «Die Polizisten hatten keine andere Wahl»

Tatort Speicherstrasse
Tatort Speicherstrasse Bild: zVg
Am 2. September 2020 kam es zu einem brutalen Tötungsdelikt an der Speicherstrasse. Dabei wurde der Täter durch Schüsse der Polizei niedergestreckt. Die beiden Polizisten wurden heute vor Gericht freigesprochen.

Der Fall erschütterte die Stadt St.Gallen: Die beiden Polizisten der Stapo wurden am 2. September 2020 um 12:13 Uhr über Funk von der Notrufzentrale aufgefordert, sofort an die Speicherstrasse 24 in St.Gallen zu fahren, da dort eine Auseinandersetzung zwischen einem Mann und einer Frau stattfinde.

Die Polizisten begaben sich mittels Dringlichkeitsfahrt an die genannte Örtlichkeit und befanden sich spätestens um 12:16 Uhr dort ein. Der eine Polizist forderte zu diesem Zeitpunkt per Funk eine Ambulanz an, da angeblich jemand bewusstlos sei.

Polizist dachte Täter habe ein Messer

Beim Betreten der Wohnung entdeckten die Stadtpolizisten beim Kücheneingang eine auf dem Boden in einer Blutlache liegende und offensichtlich schwerverletzte Frau und nahmen die Gewalttätigkeiten von Leo D.*, der auf die Frau, die als Nanny bei der Familie arbeitete, kniete, gegen diese wahr. 

Daraufhin begab sich einer der beiden Polizisten in den Wohnungsgang hinein, auf die Höhe des Eingangs zur Küche, und forderte den Täter – der weiter den Kopf der Frau hochhob und auf den Boden schlug – mit gezogener Waffe mehrmals auf, von der Italienerin abzulassen und aus der Küche zu kommen.

Der Täter schaute den Polizisten an, stand blitzartig auf und ging weiter in die Küche hinein, aus dem Blickfeld des Polizisten, und öffnete in der Küche eine Schublade mit Besteck.

Der Polizist ging aufgrund des Schepperns von Besteck davon aus, dass Leo D. ein Messer geholt hatte und warnte seinen Kollegen, der bei der Wohnungstüre stehen geblieben war, rufend vor einem Messer. Dann ging er zurück zum Wohnungseingang, wo sich beide schussbereit postierten. Spätestens jetzt hatte auch der andere Polizist seine Waffe gezogen.

Je sieben Schüsse abgefeuert

Beide Polizisten schrien dem Täter mit gezogenen und auf ihn gerichteten Pistolen zu, er solle aufhören und herauskommen. Doch dieser schlug jetzt mit einem massiven Metalltopf auf den Kopf der Frau ein. Der eine Polizist habe den Topf nicht wahrgenommen und dachte weiter, dass es sich um ein Messer handelte. Die beiden Polizisten eröffneten das Feuer auf den Mann, bis dieser auf die Frau zusammensackte.

Aus jeder Waffe wurden sieben Projektile abgefeuert, wobei es nicht möglich ist, nachzuvollziehen, welches Projektil aus welcher Waffe stammte. Vor Gericht werden die Angeklagten gefragt, wie sie sich erklären können, dass beide genau gleich viele Schüsse abgegeben haben.

Die Antworten der Polizisten, die separat befragt wurden, lauten beinahe identisch: «Wir haben geschossen, die Lage beurteilt und geschaut, ob der Schuss Wirkung zeigt. Da dies nicht der Fall war, schossen wir so oft, bis die Wirkung eintraf, bis der Mann von der Frau abliess. Ich denke, dass wir beide die Lage genau gleich eingeschätzt haben, deshalb haben wir gleich viele Schüsse abgegeben», so einer der Polizisten.

«Wir wollten das Leben der Frau retten»

Leo D. wurde von zehn Schüssen getroffen. Sofort tödlich war ein Schuss in den Hinterkopf. Die Frau wurde im Kantonsspital St.Gallen um 14 Uhr für tot erklärt. Todesursache war ein zentrales Regulationsversagen infolge eines schweren Schädelhirntraumas.

Im Gericht geht es zentral um die Frage, warum die beiden Polizisten das Feuer eröffnet haben und ob es keine Alternativen gegeben hätte.  «Haben Sie nicht daran gedacht, den Mann mit Körpereinsatz oder einem Pfefferspray zu überwältigen?», so der Richter. «Es ging alles sehr, sehr schnell. Wir mussten denn Mann stoppen, um das Leben der Frau zu retten. Ein Pfefferspray wäre kein Thema gewesen, da die Raumverhältnisse sehr eng waren. Und wir hätten uns selbst ausser Gefecht gesetzt», antwortet ein Polizist.

Leo D.* war im Wahn

Weiter werden die Beschuldigten befragt, ob sie heute – 14 Monate nach dem Vorfall – gleich gehandelt hätten. «Aufgrund der Gefahr, die für die Frau und für uns ausging, dann hätte ich heute genau gleich reagiert. Natürlich ist es tragisch, aber es gab keine andere Möglichkeit», sagt der Beamte. 

Laut den Ausführungen des Verteidigers, die auf den Austrittsbericht der Klinik Wil basieren, war Leo D. unter dem Einfluss von Drogen und Medikamenten in hoher Dosierung. «Der Mann war im Wahn, das wussten die beiden Polizisten nicht. Sie sind ihm begegnet und mussten innert wenigen Sekunden entscheiden, wie sie handeln sollen», so die Verteidigung.

Leo D. habe Kokain konsumiert und ein Medikament, das zu zwanghaftem Verhalten führen könne. Unter Protest wollte der Täter die Klinik am Morgen der Tat verlassen. Dies sei ihm auch gelungen. Am Mittag tötete er die Frau.

Keine Alternativen

«Den Angeschuldigten ging es nur darum, das Leben der Frau zu schützen und zu retten. Das Handeln war einzig und allein vom Abwehrwillen geleitet. Es gab und gibt keinen Vorsatz von versuchter Tötung oder schwerer Körperverletzung. Deshalb gibt es unseres Erachtens keine Anhaltspunkte für eine Verurteilung. Die Abwehr der beiden Beamten richtete sich ausschliesslich gegen den Angreifer. Es wurde zwar mehrmals geschossen, aber nur so lange, bis eine Wirkung eintraf. Eine Schussabgabe war das einzige und effektive Mittel. Es gab in dieser Situation keine andere Möglichkeit», so der Verteidiger weiter.

Ein Taser habe zu dem Zeitpunkt nicht zur Verfügung gestanden. Es hätte mindestens vier Personen gebraucht, um den Täter zu überwältigen.

Freispruch

Kurz nach 11.30 Uhr wird das Urteil verlesen: Beide Polizisten werden frei gesprochen und die Verfahrenskosten von über 19'000 Franken gehen zu Lasten des Staates. «Im Nachhinein ist es einfach gesagt, dass es vielleicht Alternativen gegeben hätte, aber es wurde glaubhaft dargelegt, dass es in diesem Moment keine gab», sagt der Richter. Die Fotos der Tat seien nur schwer erträglich gewesen. Man sei in einer Ausnahmesituation gewesen und deshalb sei das Gericht zum Schluss gekommen, dass die beiden Beamten richtig gehandelt haben. 

Meine Meinung

Es herrschte in der Bevölkerung viel Unverständnis darüber, dass sich zwei Polizisten vor Gericht verantworten müssen, die ihre Pflicht getan haben.

Das Unverständnis war nachvollziehbar, hätte doch einerseits jeder gerne, dass die Polizei alles versucht, sein Leben zu schützen, wenn es in akuter Gefahr ist (nichts anderes als das wollten die beiden Stadtpolizisten: Das Leben des italienischen Kindermädchens retten).

Andererseits hätte das Gericht mit einem Schuldspruch ein verheerendes Signal an alle Beamten gesendet: Ihr tut eure Pflicht, und wir fallen euch in den Rücken. Daraufhin würde es sich wohl jeder Polizist zweimal überlegen, ob er nächstes Mal seine Dienstwaffe einsetzen sollte ...

Trotzdem musste das ordentliche Verfahren sein, damit alle Zweifel ausgeräumt werden. Das ist in unserem Rechtsstaat so Usus. Und wir dürfen nicht vergessen: Auch der Täter hat Angehörige. Diese haben ein Recht darauf, dass nun unabhängig der exakte Tatverlauf festgestellt und daraus entsprechende Schlüsse gezogen wurden.

Wer sich nun aber auch vor Gericht verantworten müsste, ist die Person, die es zugelassen hatte, dass der wahnhafte Täter überhaupt auf freiem Fuss war: D. wurde wenige Stunden vor seiner Erschiessung aus der Psychiatrie St.Gallen Nord in Wil entlassen. Der an einer bipolaren und schizophrenen Störung leidende St.Galler berauschte sich danach in der Stadt mit Drogen.

Für was beschäftigen wir Psychiater und anderes Fachpersonal, wenn diese nicht imstande sind, eine konkrete Bedrohung aus einer offensichtlich schwer gestörten Persönlichkeit zu lesen?

Stephan Ziegler, stgallen24

 

Miryam Koc/stgallen24