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Marbach
06.12.2020
06.12.2020 11:13 Uhr

So fern und doch ganz nah

Die Autorin Jolanda Spirig lebt und arbeitet in Marbach (Bilder: zVg) Bild: zVg
Wer noch ein Buch für seine(n) Liebste(n) für Weihnachten sucht: die bekannte Marbacher Autorin Jolanda Spirig hat mit „Hinter dem Ladentisch“ ein lesenswertes Werk veröffentlicht.

Joland Spirig schildert in «Hinter dem Ladentisch» die Geschichte der Familie Artho, genauer das Leben der Martha Artho junior. Eine Familie, die im Bern der Vierziger- und Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts mit dem durch Martha Artho senior betriebenen Kolonialwarenladen und der Stellung ihres Gatten als Chaffeur und Gärtner bei der Vatikanischen Botschaft nur knapp ihr Auskommen fand.

Sachlich, nüchtern und distanziert

Dieses Buch ist kein Roman, keine wirkliche Biographie, nein, dieses Buch schildert in sachlich-nüchternem und distanziertem Ton die Verhältnisse, die in der Schweiz vor nicht allzu langer Zeit das Leben bestimmten. Klerikal geprägte Verhältnisse, aus heutiger Sicht unendlich kleinbürgerlich und engstirnig. So nah in Bezug auf die wenigen Jahrzehnte dazwischen und gleichzeitig so fern in der Geisteshaltung.

Ein berührendes, lesenswertes und das Wissen über die Zeitgeschichte erweiterndes Buch: «Hinter dem Ladentisch» von Jolanda Spirig. Bild: zVg

Vor allem, was die Stellung der Frauen betrifft. Denn sie waren, wie auch der kleinen Martha Artho schnell bewusst wird, Menschen zweiter Klasse. Ohne Wahlrecht an der Urne. Aber auch ohne Wahlrecht, was ihren Berufs- und Lebensweg angeht. Die Nähe der Familie Artho zu den hohen Herren der katholischen Kirche zeigen bereits der kleinen Martha, dass die geistlichen Diplomaten im Überfluss schwelgen, während sie ihrem Bediensteten Vater Artho als Chaffeur und Gärtner ein Hungergehalt zahlen. Und nach der Einführung der Pensionskasse nicht einmal seine AHV-Beiträge einzahlen, sodass Mutter Artho nach dessen allzu frühem Tod ohne nennenswerte Rente dasteht und sich und ihre drei Töchter mit den hart erarbeiteten Erträgnissen des Kolonialwarenhandels durchbringen muss. Was umso schwieriger wird, als in den Fünfzigerjahren in der Nähe ihres Ladens der erste grosse Migros-Supermarkt eröffnet.

Aus der Entfernung der Jahre

«Hinter dem Ladentisch» bezieht seinen Reiz nicht nur aus der Lebensgeschichte der Martha Artho, sondern aus seiner spröden, einem Sachbuch ähnelnden Erzählweise. Vermeintlich ohne Empathie, ohne Anteilnahme, wie aus der Entfernung der Jahre werden die Leiden und Probleme des jungen Mädchens geschildert. Doch gerade diese Erzählweise macht das Buch umso eindringlicher, bietet dem Leser umso mehr Platz für eigene Emotionen. Ein meisterhafter Schachzug der Autorin. Und ein wahres Lesevergnügen für alle, denen Zeitgeschichte nicht egal ist.

gmh/uh